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Nichts als (heiße) Luft im Kasten

https://ipfs.busy.org/ipfs/QmaB7D8d73dgiJLdSzSrdFLwBZ758PuJsm47ztJYqC4DCX

Erhielte er ein Arbeitszeugnis, müsste man diesem stillen, äußerst angepassten, unauffälligen Mitarbeiter mit pförtnerähnlicher Stellenbeschreibung im Eingangsbereich ein hohes Maß an Zuverlässigkeit bescheinigen. Er ist dazu in der Lage, geduldig auf seine Aufgabe zu warten und anschließend nur einmal täglich Bericht über seine Arbeitsergebnisse zu erstatten. Er verhält sich ausgesprochen loyal, obwohl er seit geraumer Zeit erkennt, dass sein über Jahre sicherer Arbeitsplatz wackelt, jüngere Beschäftigte aus der IT-Branche drängen sich auf, würden bei gleichem Zeitaufwand effizienter agieren.

Der Briefkasten soll seine Klappe halten, doch einmal am Tag wünschen wir uns ihr Geräusch zu hören. Ob er als gepflegte Box am Einfamilienhaus hängt, als neomodernes US-Imitat im Kleinstadtgarten, als verbeulte Blechkiste im heruntergekommenen Wohnblock, der treue Diener kann seinen Inhalt nicht beeinflussen. Hier wie dort kann er zur Schatzkiste oder zur Büchse der Pandora werden, in jedem Fall übernimmt er Kommunikationsträgerfunktion bis in weite Fernen.

Rechnungen aller Art und Höhe, schicksalsträchtige Laborbefunde, giftige Notar- und Anwaltsschreiben, Trauerkarten erreichen uns genauso durch ihn wie bunte Urlaubskarten, erfreuliche Einladungen und unerwartete, lukrative Angebote. Manchmal wirkt der leere Kasten wie ein nicht mehr anschlagender Beliebtheitsmesser, depressive Verstimmungen sind die Folge. Man degradiert sich selbst zu jemanden, der nur noch als Rechnungsadressat für andere bedeutsam ist. Vielleicht ist uns der leere Kasten aber auch nur unangenehm, weil uns die darin enthaltene Luft nicht von all den unsichtbaren Botschaften ablenkt, die sich in ihm gesammelt haben. Der nicht vorhandene Urlaubsgruß, das nicht für nötig erachtete Lebenszeichen oder das nie abgesendete Dankschreiben.

Die ungeschriebenen Briefe sprechen für sich, sie enthalten die meisten Missverständnisse und sind schwer zu beantworten. Diese verhalten sich wie ein Virus, der immer mehr Briefkästen befällt und den Inhalt zu unsichtbarer Luft macht. Dem Virus kann nur mit einem einzigen Gegenmittel Einhalt geboten werden: Das Sammeln der eigenen Gedanken auf Papier, das anschließend auf die Reise geschickt wird. Nur so wird der eigene Briefkasten vom Befall gereinigt, früher oder später nehmen die Briefe im Kasten wieder sichtbare Gestalt an und werden von unberechenbaren Geistern zu vertrauten Besuchern.

post2.jpg

###### Fotos: CC0-Lizenz, [hier](https://pixabay.com/de/post-postkasten-rost-alt-zaun-286017/) und [hier](https://pixabay.com/de/briefkasten-post-briefk%C3%A4sten-brief-376121/) auf Pixabay.com

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19.06.2018


Comments · 10

  • @cultus-forex(68)· 2987d

    Schön geschrieben, was mich betrifft gilt "Keine Post, keine Rechnungen" und im Zeitalter der Digitalisierung hat bei mir die Mailbox mehr Bedeutung als die Blechbüchse draußen an der Wand.

  • @kadna(69)· 2989d

    Schön zu lesen liebe chriddi - mein Briefkasten fühlt sich gleich ganz anders - irgendwie upgevoted ;-)

  • @bali-om(53)· 2989d

    Hallo....eine wirklich gelungene Geschichte,danke dafür 😊

  • @afrog(69)· 2990d

    Wunderbar! Reiner Lesegenuss. Perfekt, liebe @Chriddi wird es mit einem nur kleinen Kniff.

    Diese verhalten sich wie ein Virus, der immer mehr Briefkästen befällt und den Inhalt zu unsichtbarer Luft macht. Diesem Virus kann nur mit einem einzigen G…

    Dem Virus kann nur mit einem einzigen G…

    Diese–Diese stört mich. Du bist echt eine Wundertüte.

  • @w74(74)· 2990d

    Endlich finde ich die Zeit!

    Hallo Christiane,

    bevor die Wörter fließen, werfen wir zuerst einen Blick auf das gierige Monster vor unserer Tür, das Werbung konsequent ausspuckt und Rechnungen ganz nach hinten in die dunkle Ecke schiebt.

    CIMG3779.JPG

    Es ist ein ausgedienter Bienenkasten, dem ich ein Dach verpasst habe und von einer kleinen Holzstütze immer offen gehalten wird. Absperren war gestern. Denn da erreichten sie uns noch, die Briefe, die auch du so vermisst. Handgeschrieben und auf unterschiedlichstem Papier festgehalten. Ein Stück Karton mit Briefmarke und Stempel, ein beschriebener Bierdeckel und ein gefülltes Bambusrohr. Alles war schon dabei. Da es in der kleinen Familie auch eine äußerst kreative Person gibt, zieren diese Briefe heute, wie eine Tapete, eine ganze Wand in unserem Haus. Es scheint an der Zeit das Tintenfass wieder näher beizuziehen.

    Nostalgisch angehaucht und ein wenig wehmütig ...

    Wolfram

  • @pepperred(46)· 2990d

    Ich folge dir noch nicht allzulange, mag aber deinen Schreibstil sehr. Von der Fähigkeit so ein alltägliches Thema mit hintergründigen Gedanken zu beleben, rede ich da noch gar nicht. Tolles Leseerlebnis jedenfalls. Freue mich auf weitere Beiträge von dir. :-)

  • @drotto(49)· 2991d

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  • @peppermint24(67)· 2991d

    Siehste - hier gibt es weder Briefträger noch Briefkästen & zumal sowieso nur noch negative Dinge darin Platz finden, vermisse ich den überhaupt nicht :)

  • @condeas(68)· 2991d

    Genau so dachte vor Jahren ein Freund von mir und kam auf folgende Lösung. (noch bevor es sms und eMail gab) Der schreibt sich selber Briefe und schick sich Karten aus seinem eigenen Urlaub. Und der freut sich dann darüber zum Briefkasten zu gehen und nachzuschauen ob er Post hat. Da ist es ihm auch total egal das die ja eigentlich von ihm selbst sind.

  • @steem0(52)· 2991d

    It's a great click of old vacant house's old postbox.