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Alexander von Humboldt — Der Mann, der die Welt nach Berlin brachte

IMG_0772.JPEG Vor dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität stehen zwei Männer aus weißem Marmor. Sie sitzen einander nicht gegenüber, aber sie gehören zusammen: Wilhelm von Humboldt auf der linken, Alexander von Humboldt auf der rechten Seite des Eingangs. Zwei Brüder, zwei sehr unterschiedliche Lebenswege — und doch verbindet sie eine gemeinsame Vorstellung davon, dass Erkenntnis den Menschen verändern kann.

Wenn ich an der Statue Alexanders auf dem Weg über Unter den Linden vorbeikomme, fällt mir zunächst ihre Ruhe auf. Berlin ist an dieser Stelle laut, geschäftig und ständig in Bewegung. Straßenbahnen, Fahrräder, Touristen, Studierende. Und mittendrin sitzt Humboldt. Nicht als triumphierender Eroberer, sondern als Gelehrter, der den Betrachter geradezu gelassen anzusehen scheint.

Vielleicht passt gerade das erstaunlich gut zu seinem Leben.

Ein Leben zwischen Berlin und der Welt

Alexander von Humboldt wurde 1769 in Berlin geboren und wuchs gemeinsam mit seinem älteren Bruder Wilhelm zunächst in Berlin und auf Schloss Tegel auf. Seine Ausbildung war ungewöhnlich breit: Geschichte, Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften gehörten ebenso dazu wie später Kameralistik, Handelswissenschaften und Bergbau. Er studierte unter anderem in Frankfurt an der Oder, Göttingen, Hamburg und an der Bergakademie Freiberg. :contentReference[oaicite:0]{index=0}

Doch Humboldt war nie jemand, der sich mit einem einzigen Fach zufriedengegeben hätte. Genau darin liegt vielleicht seine eigentliche Modernität.

Er wollte Zusammenhänge verstehen. Pflanzen und Klima, Geologie und Landschaft, Magnetismus und Geographie, Gesellschaft und Natur. Seine große amerikanische Forschungsreise von 1799 bis 1804 führte ihn gemeinsam mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland durch Teile Süd-, Mittel- und Nordamerikas. Später folgte eine Expedition durch Russland und Sibirien.

Humboldt sammelte nicht einfach Wissen. Er versuchte, die Welt als ein miteinander verbundenes System zu begreifen.

Sein späteres Hauptwerk „Kosmos“ sollte genau diesen Anspruch verwirklichen: eine umfassende Beschreibung der physischen Welt, in der unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen miteinander ins Gespräch kommen. :contentReference[oaicite:1]{index=1}

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Berlin als geistige Heimat

Und trotzdem blieb Berlin der rote Faden seines Lebens.

Hier wurde Humboldt geboren, hier kehrte er immer wieder zurück, hier starb er 1859. Besonders prägend war seine Rückkehr nach Berlin im Jahr 1827. In den Jahren 1827 und 1828 hielt er seine berühmten öffentlichen Vorlesungen über den „Kosmos“ — kostenlos, an der Universität und in der Singakademie.

Das Bemerkenswerte daran war nicht nur der wissenschaftliche Inhalt. Humboldt sprach vor einem Publikum, das weit über die akademische Welt hinausging. Auch Frauen und Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten besuchten die Veranstaltungen. Seine Vorträge wurden zu einem gesellschaftlichen Ereignis in Berlin. :contentReference[oaicite:2]{index=2}

Wissenschaft sollte für Humboldt nicht hinter Universitätsmauern verschwinden.

Sie sollte Menschen erreichen.

Das ist vielleicht eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Alexander von Humboldt und der Universität, vor der seine Statue heute steht. Er war zwar nicht der Gründer der Berliner Universität — diese Rolle gehört vor allem seinem Bruder Wilhelm —, aber er war eng mit dem wissenschaftlichen Leben Berlins verbunden und verkörperte eine Form von Wissenschaft, die über einzelne Fakultäten hinausdachte.

Die Universität selbst wurde 1810 als Friedrich-Wilhelms-Universität gegründet und trägt seit 1949 den Namen Humboldt-Universität. Wilhelm von Humboldt war maßgeblich an ihrer konzeptionellen Vorbereitung beteiligt und verband mit ihr die Idee der Einheit von Forschung und Lehre. :contentReference[oaicite:3]{index=3}

Alexander und Wilhelm stehen deshalb heute nicht zufällig gemeinsam vor dem Gebäude.

Der eine steht gewissermaßen für die Erforschung der Welt, der andere für die Bildung des Menschen.

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Eine Statue, die mehr erzählt, als man zunächst sieht

Die Statue entstand 1882 und wurde am 28. Mai 1883 enthüllt. Sie besteht aus weißem Carrara-Marmor und ist etwa 2,50 Meter hoch; zusammen mit dem Sockel erreicht das Denkmal rund 5,70 Meter. :contentReference[oaicite:4]{index=4}

Alexander sitzt.

Das ist wichtig.

Man hätte einen Forschungsreisenden auch stehend darstellen können, vielleicht mit Fernrohr, Karte oder einer dramatischen Geste. Stattdessen zeigt Reinhold Begas ihn in einer konzentrierten, beinahe privaten Haltung. Die Beine sind entspannt übereinandergeschlagen. In der rechten Hand hält Humboldt eine exotische Pflanze, während ein Globus auf seine weltweiten Forschungsreisen verweist. :contentReference[oaicite:5]{index=5}

Es ist eine ungewöhnliche Mischung aus Gelehrtenporträt und Weltbild.

Die Pflanze verweist auf die konkrete Naturbeobachtung. Der Globus erweitert den Blick auf den gesamten Planeten. Humboldt selbst sitzt dazwischen — als Beobachter, Sammler, Denker und Vermittler.

Und dann ist da dieser Blick.

Er wirkt nicht heroisch im klassischen Sinn. Kein Schwert, kein Siegesgestus, keine militärische Pose. Humboldt wird nicht als Herrscher über die Welt dargestellt, sondern als jemand, der versucht, sie zu verstehen.

Gerade vor einer Universität erscheint mir diese Entscheidung bemerkenswert.

Der Ort: Zwischen Universität und Unter den Linden

Die Position der Statue ist kein Zufall. Sie steht östlich des Eingangs zum Ehrenhof der Humboldt-Universität, direkt an der Straße Unter den Linden. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich das Denkmal für Wilhelm von Humboldt. Beide Monumente bilden damit gewissermaßen ein Tor zur Universität. :contentReference[oaicite:6]{index=6}

Das Denkmal selbst hat eine interessante Vorgeschichte.

Die Initiative für ein Alexander-von-Humboldt-Denkmal entstand 1869 anlässlich seines 100. Geburtstags. Rudolf Virchow organisierte eine Spendenaktion; innerhalb eines Jahres kamen laut der Humboldt-Universität rund 100.000 Mark zusammen. Die Universität stellte den gewünschten Standort allerdings unter der Bedingung zur Verfügung, dass auch ein Denkmal für Wilhelm von Humboldt errichtet werde. :contentReference[oaicite:7]{index=7}

So entstand schließlich dieses ungewöhnliche Brüderpaar.

Und vielleicht ist es gerade dieser Ort, der die Bedeutung der Statue heute verändert.

Alexander von Humboldt sitzt hier nicht irgendwo in einem Museum. Er sitzt an einer der bekanntesten Straßen Berlins, unmittelbar vor einer Universität. Jeden Tag gehen Studierende an ihm vorbei. Menschen, die gerade anfangen zu forschen, zu lesen, zu zweifeln, zu diskutieren und vielleicht irgendwann selbst Wissen zu schaffen.

Humboldt schaut ihnen dabei buchstäblich entgegen.

Reinhold Begas — der Bildhauer hinter Humboldt

Geschaffen wurde das Denkmal von Reinhold Begas (1831–1911), einem der bedeutendsten Berliner Bildhauer des späten 19. Jahrhunderts.

Begas leitete bereits seit 1874 das Meisteratelier für Bildhauerei an der Königlichen Akademie der Künste und stand zur Zeit des Humboldt-Auftrags noch am Anfang einer langen und sehr erfolgreichen Karriere. Sein ursprünglicher Wettbewerbsentwurf für Humboldt war allerdings deutlich anders: Er hatte zunächst eine monumentale, lorbeerbekränzte Büste vorgesehen. :contentReference[oaicite:8]{index=8}

Für die endgültige Fassung musste Begas seinen Entwurf an das gleichzeitig entstehende Denkmal für Wilhelm von Humboldt von Martin Paul Otto anpassen. Dadurch entstand schließlich das Paar von Sitzfiguren, das wir heute vor der Universität sehen. :contentReference[oaicite:9]{index=9}

Begas gehört zur Berliner Bildhauerschule und wurde später vor allem für monumentale Werke des Kaiserreichs bekannt. Sein Alexander von Humboldt ist dabei interessant, weil die Figur trotz ihrer Größe vergleichsweise wenig pathetisch wirkt.

Vielleicht liegt genau darin ihre Stärke.

Humboldt und die Idee von Bildung

Wenn ich die Statue heute betrachte, denke ich weniger an die vielen Orte, die Humboldt bereist hat, als an seine Art zu denken.

Er war überzeugt davon, dass Wissen nicht aus isolierten Schubladen besteht. Die Natur lässt sich nicht vollständig verstehen, wenn man sie in einzelne Fächer zerlegt. Geographie gehört zur Botanik, Klima zur Landschaft, Landschaft zur Geschichte des Menschen.

Und Wissen sollte zirkulieren.

Von der Expedition ins Labor. Vom Labor in die Universität. Von der Universität in die Öffentlichkeit.

In diesem Sinne ist Alexander von Humboldt eine passende Figur für diesen Ort. Die Humboldt-Universität ist nach den beiden Brüdern benannt, aber ihre heutige Bedeutung geht weit über die historische Person hinaus. Sie erinnert an eine Tradition, in der Bildung nicht nur als Berufsausbildung verstanden wird, sondern als Möglichkeit, die Welt kritisch und umfassend zu betrachten.

Natürlich gehört auch die andere Seite zu Humboldts Geschichte. Seine Forschungsreisen fanden in einer Welt europäischer Expansion und kolonialer Herrschaft statt; auch sein Blick auf außereuropäische Gesellschaften muss aus diesem historischen Zusammenhang heraus verstanden werden. Das Deutsche Historische Museum betont deshalb sowohl seine Beiträge zu einer neuen Sicht auf Natur und Kulturen als auch die Widersprüche zwischen den aufklärerischen Idealen seiner Zeit und den Realitäten von Kolonialismus und Sklaverei. :contentReference[oaicite:10]{index=10}

Gerade deshalb wirkt die Statue heute nicht nur wie ein Denkmal für einen großen Forscher.

Sie kann auch eine Einladung sein, über Wissenschaft selbst nachzudenken: Wer darf forschen? Wer wird gehört? Wem gehört Wissen? Und welche Verantwortung entsteht daraus?

Ein stiller Beobachter Berlins

Vielleicht ist es das, was ich an dieser Statue besonders mag.

Sie steht an einem Ort, an dem Berlin niemals wirklich stillsteht. Unter den Linden verändert sich ständig das Publikum: Studierende auf dem Weg zur Vorlesung, Touristen mit Stadtplan, Radfahrer, Menschen auf dem Weg zum Brandenburger Tor.

Und Humboldt sitzt.

Seit 1883.

Er schaut nicht auf eine ferne Vergangenheit zurück. Er befindet sich mitten in der Gegenwart.

Wenn man an ihm vorbeigeht, könnte man ihn leicht übersehen. Aber vielleicht ist gerade das passend. Alexander von Humboldt war ein Mann, der seinen Ruhm nicht nur in einem einzelnen Monument oder einer einzelnen Entdeckung hinterließ. Sein eigentliches Erbe liegt in einer Denkweise: neugierig zu bleiben, Zusammenhänge zu suchen und die Welt nicht vorschnell in einzelne Teile zu zerlegen.

Vor der Humboldt-Universität bekommt diese Idee einen beinahe poetischen Ort.

Ein Reisender sitzt vor einer Universität.

Hinter ihm liegt Berlin.

Vor ihm liegt die Welt.

Und irgendwo dazwischen beginnt Bildung.


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