Acht Monate später erschütterten die Anschläge des 11. September die Welt. An diesem Tag zeigten sich die Schwachstellen eines globalen Sicherheitsparadigmas, das auf Grundsätzen des Kalten Krieges beruhte, welche in einer Zeit der asymmetrischen Kriegsführung globaler Terrorgruppen keine Gültigkeit mehr besaßen. An die Stelle nationalstaatlicher Mächte trat eine andere Art mächtiger Bewegung, die von Leidenschaft und Sendungsbewusstsein getragen wurde. Die Verbindungen zu al-Qaida aufzudecken wurde zu meiner Obsession. Gleichzeitig wurde ich auf ein neues Phänomen aufmerksam: wie eine virulente Ideologie Netzwerke radikalisieren und etwas bewirken kann, das mir zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt war: emergentes Verhalten.
Der 11. September 2001 riss die Fassade ein, die kollektive Lüge, die wir über den Frieden nach dem Kalten Krieg erschaffen hatten.
26
Was viele damals nicht wussten – und worüber ich ausführlicher berichten wollte –, war, dass Südostasien schon früh als Brutstätte für al-Qaida gedient hatte.
27
Am 11. September war die Organisation bereits seit Langem in der Region aktiv. Mohammed Jamal Khalifa, der Schwager von Osama bin Laden, war bereits 1988 auf die Philippinen gekommen, um islamische Wohltätigkeitsorganisationen zu gründen, die den Wahhabismus und andere radikale Gedanken verbreiteten. Von 1991 bis 1994 stieg die Zahl der Terroranschläge auf den Philippinen um fast 150 Prozent an.
28
Am 11. September eilte ich von meinem Fitnessstudio in Jakarta nach Hause, um meine Akten und Geheimdienstunterlagen herauszukramen (damals die einzige Möglichkeit für eine Reporterin, den Überblick über Ereignisse und Beziehungen zu behalten). Ich las das Verhörprotokoll des philippinischen Geheimdienstes von 1995 über Abdul Hakim Murad, einen in US-amerikanischen Flugschulen ausgebildeten, zugelassenen Verkehrspiloten. Möglicherweise war er der erste Pilot, der von al-Qaida rekrutiert wurde. Er wurde 1995 in Manila verhaftet, an die Vereinigten Staaten ausgeliefert und saß zum Zeitpunkt der Anschläge vom 11. September 2001 im Hochsicherheitsgefängnis in Florence, Colorado.
29
Nachdem ich das Verhörprotokoll gelesen hatte, bat ich Atlanta, mich auf die Philippinen zu schicken, damit ich den 1995 amtierenden Polizeichef von Manila über die al-Qaida-Verschwörung befragen konnte. Die Namen, über die ich erstmals von den Philippinen berichtete, sind inzwischen bekannt.
30
Ramzi Yousef und Khalid Sheikh Mohammed hatten sich 1995 beide auf den Philippinen aufgehalten, um ein Attentat auf Papst Johannes Paul II. und US-Präsident Bill Clinton vorzubereiten.
31
Das Komplott, über das wir alle berichteten, nannte sich Oplan Bojinka, einen Plan zur Bombardierung von US-Flugzeugen, die von Asien aus flogen. Was wir damals ignorierten – weil es uns zu fantastisch erschien –, war ein anderer Plan, nämlich, Verkehrsflugzeuge zu entführen und sie in Gebäude zu rammen: in das World Trade Center in New York City, das Pentagon, das Sears Building in Chicago und in die TransAmerica Pyramid in San Francisco.
32
Je mehr ich darüber berichtete, desto deutlicher wurde mir, dass jede größere al-Qaida-Verschwörung zwischen 1993 und 2003 in irgendeiner Weise mit den Philippinen, der ehemaligen Kolonie der Vereinigten Staaten, in Verbindung stand, vom Anschlag auf das World Trade Center 1993 über die Bombenanschläge auf US-Botschaften in Ostafrika 1998 bis hin zum Anschlag auf das JW Marriott Hotel in Jakarta 2003.
33
Das bedeutet, dass die beiden größten Geschichten meiner Karriere mit den Philippinen als Testgelände für zwei Gefahren zu tun hatten, die die Vereinigten Staaten und die Welt im 21. Jahrhundert bedrohen: islamischer Terrorismus und Informationskriegsführung in den sozialen Medien.
Nach dem 11. September 2001 war ich besessen davon, dieses globale Terrornetzwerk zu durchleuchten, um herauszufinden, welche Mitglieder miteinander verbunden waren, und um vielleicht ähnliche Komplotte aufzudecken.
34
Ich suchte nach altgedienten Kontaktpersonen – Ermittlern, die auf den Philippinen, in Indonesien, Singapur und Malaysia Karriere gemacht hatten und bestrebt waren, ihre Ressourcen zu nutzen und Erkenntnisse zu gewinnen. Sie waren mehr als bereit, frühere Geheimdienstberichte über al-Qaida-Mitglieder weiterzugeben. Im Gegenzug erhielten sie Analysen darüber, was diese Informationen bedeuten könnten. Zu diesem Zeitpunkt verfügte ich über mehr Material als sie, da es in Südostasien weder eine zentrale Datenbank noch ein offizielles Programm zum Austausch von Informationen gab. Ich begann, eine eigene Datenbank mit den vertraulichen Geheimdienstinformationen zu führen, die sie mir zur Verfügung stellten.
35
In dem Versuch, die schwerfällige Bürokratie zu umgehen, nahmen die Ermittler oft den Hörer in die Hand und riefen mich an, um herauszufinden, ob ein neu entdeckter Name bekannt war, oder um zu erörtern, was eine neue Information bedeuten könnte. So war ich in der Lage, im Jahrzehnt nach 9/11 eine Exklusivstory nach der anderen für CNN zu produzieren.