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Trittbrettfahren – Wenn der Neue schon wartet, bevor der Alte gehen darf

Trittbrettfahren – Wenn eine Beziehung endet, aber die Geschichte erst beginnt

Eine persönliche Beobachtung über Trennungen, neue Partner, Schuldzuweisungen und die Frage, warum aus einem Ende so häufig eine Täter-Opfer-Geschichte werden muss

Ich bin 50 Jahre alt.

Ich bin Vater. Ich habe gedient und war unteranderem im Rahmen von IFOR im Einsatz. Ich habe drei Trennungen mit Kindern erlebt.

Und irgendwann habe ich angefangen, mich über etwas zu wundern.

Nicht darüber, dass Beziehungen enden.

Das tun sie.

Manchmal ist eine Trennung notwendig. Manchmal ist sie überfällig. Manchmal haben zwei Menschen einfach aufgehört, zusammenzupassen. Und manchmal ist eine Beziehung tatsächlich so zerstörerisch, dass einer der beiden Menschen gehen muss.

Darum geht es mir ausdrücklich nicht.

Mich beschäftigt etwas anderes.

Ein Muster, das ich über viele Jahre immer wieder beobachtet habe.

Ich nenne es:

Trittbrettfahren.

Der Begriff ist meine eigene Bezeichnung. Ich behaupte nicht, dass es sich dabei um eine wissenschaftliche Diagnose oder einen etablierten psychologischen Fachbegriff handelt.

Ich meine damit einen bestimmten Ablauf:

Eine Beziehung besteht noch. Gleichzeitig entsteht bereits eine neue emotionale oder romantische Verbindung. Die alte Beziehung wird erst beendet, wenn das nächste Trittbrett bereits vorhanden ist. Anschließend wird die alte Beziehung häufig so erzählt, dass der bisherige Partner zum Problem, zum Täter oder sogar zum psychisch gestörten Menschen wird – während der neue Partner die Rolle des Retters übernimmt.

Und wenn Kinder vorhanden sind, kann aus diesem Beziehungswechsel noch etwas viel Größeres werden.

Dann können die Kinder in die Geschichte hineingezogen werden.

Und plötzlich geht es nicht mehr nur darum, wer wen verlassen hat.

Dann geht es darum, welche Geschichte die Kinder über ihre eigenen Eltern glauben sollen.


Ich liebe dich.

Dieser Satz beschäftigt mich dabei besonders.

Denn ich frage mich:

Was bedeutet „Ich liebe dich“, wenn ein Mensch innerlich bereits entschieden hat, die Beziehung zu verlassen?

Natürlich kann beides gleichzeitig existieren.

Ein Mensch kann jemanden noch lieben und trotzdem wissen, dass die Beziehung nicht mehr funktioniert.

Das ist menschlich.

Das ist kompliziert.

Das ist keine Schauspielerei.

Aber es gibt einen Unterschied.

Wenn jemand innerlich noch sucht, zweifelt und nicht weiß, wohin die Reise geht, ist das etwas anderes, als wenn die Entscheidung längst gefallen ist und gleichzeitig bewusst eine heile Beziehung vorgespielt wird, während im Hintergrund bereits der nächste Lebensabschnitt organisiert wird.

Dann reden wir nicht mehr nur über eine schwierige Trennung.

Dann reden wir über Täuschung.

Denn eine Trennung ist kein Betrug.

Sich zu verlieben ist kein Betrug.

Eine Beziehung zu beenden ist kein Betrug.

Aber einem Menschen weiterhin eine gemeinsame Zukunft vorzugaukeln, obwohl man für sich bereits entschieden hat, dass diese Zukunft nicht mehr existiert, kann ein massiver Vertrauensbruch sein.

Und genau dort beginnt für mich das Trittbrettfahren.


Der Sprung auf das nächste Trittbrett

Stellen wir uns zwei Abläufe vor.

Der erste ist unangenehm, aber ehrlich:

Beziehung → Zweifel → Gespräch → Trennung → Verarbeitung → neue Beziehung.

Der zweite sieht anders aus:

Beziehung → Unzufriedenheit → neue Person → emotionale Annäherung → Trennung → sofort neue Beziehung.

Der Unterschied ist gewaltig.

Im ersten Fall steht ein Mensch nach der Trennung zunächst alleine da.

Im zweiten Fall gibt es bereits eine Landebahn.

Das nächste Trittbrett fährt schon vorbei.

Und genau deshalb habe ich irgendwann angefangen, mich zu fragen:

Wie oft wird eine Beziehung tatsächlich beendet, weil sie nicht mehr funktioniert – und wie oft wird sie erst dann endgültig beendet, wenn bereits eine attraktive Alternative vorhanden ist?

Die Forschung kennt tatsächlich ein verwandtes Phänomen: „Mate Poaching“, also das gezielte Gewinnen eines Menschen, der sich bereits in einer Beziehung befindet. Studien haben solche Beziehungen untersucht und fanden unter anderem Hinweise auf geringere Bindung, geringere Zufriedenheit und geringere Investition in Beziehungen, die aus einem solchen „Poaching“-Kontext entstanden waren.

Das beweist nicht meine Trittbrett-Theorie.

Aber es zeigt:

Der Wechsel aus einer bestehenden Beziehung in eine neue Beziehung ist längst ein Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

Es ist also nicht absurd, danach zu fragen.


Und warum fühlt sich die Trennung für einen Partner manchmal wie ein Erdbeben an?

Das ist eine der Fragen, die mich besonders interessieren.

Der Satz:

„Das kam völlig aus dem Nichts.“

ist nach Trennungen erstaunlich häufig zu hören.

Sind diese Menschen alle blind?

Sind Männer tatsächlich so dumm, dass sie jahrelang nichts merken?

Oder kann es sein, dass zwei Menschen denselben Alltag erleben, aber emotional längst in völlig unterschiedlichen Welten leben?

Hier liefert die Forschung eine interessante Perspektive.

Eine Untersuchung zu Trennungen fand, dass Initiatoren und Nicht-Initiatoren die Trennung unterschiedlich erleben. Die Beziehungzufriedenheit nahm bei beiden Seiten vor der Trennung ab, aber bei den späteren Initiatoren war der Rückgang stärker. Gleichzeitig berichteten in dieser Untersuchung 22,5 % der Initiatoren von Untreue im Jahr vor der Trennung, gegenüber 7,4 % der Nicht-Initiatoren.

Das ist interessant.

Denn es bedeutet:

Die offizielle Trennung ist nicht zwangsläufig der Beginn des Trennungsprozesses.

Sie kann das Ende eines Prozesses sein, den einer der beiden Partner schon lange vorher durchlaufen hat.

Und genau hier entsteht das Gefühl:

„Für mich kam es aus dem Nichts.“

Während der andere vielleicht schon Monate oder Jahre darüber nachgedacht hat.

Das ist noch keine Schauspielerei.

Aber es erklärt, warum zwei Menschen dieselbe Trennung völlig unterschiedlich erleben können.


Warum werden so viele Ehen von Frauen beendet?

Auch hier müssen wir nicht spekulieren.

Die Forschung zeigt seit Jahren, dass Frauen in heterosexuellen Ehen häufiger als Männer den Trennungs- beziehungsweise Scheidungsprozess initiieren. Eine vielzitierte Untersuchung kam auf ungefähr zwei Drittel der Scheidungen; andere Arbeiten bestätigen ebenfalls diesen deutlichen Unterschied.

Das bedeutet nicht:

Frauen sind schlechtere Partner.

Es bedeutet auch nicht:

Männer sind die besseren Partner.

Es bedeutet lediglich, dass der Initiationsprozess bei Ehen einen deutlichen Geschlechterunterschied zeigt.

Interessant ist dabei wiederum, dass sich dieser Unterschied nicht einfach auf jede Art romantischer Beziehung übertragen lässt. Rosenfelds Forschung fand beispielsweise einen deutlichen Geschlechterunterschied bei Scheidungen, aber nicht in gleicher Weise bei nicht ehelichen Beziehungen.

Das macht die Sache interessanter – nicht einfacher.

Denn wenn wir wirklich verstehen wollen, warum Frauen häufiger Scheidungen initiieren, müssen wir über gesellschaftliche Rollen, wirtschaftliche Unabhängigkeit, Erwartungen an Ehe, emotionale Zufriedenheit, Arbeitsteilung und persönliche Lebensziele sprechen.

Eine Forschungsübersicht aus dem Jahr 2022 diskutiert genau solche Faktoren und weist darauf hin, dass die zunehmende wirtschaftliche und berufliche Unabhängigkeit von Frauen die Möglichkeit erhöht, eine unbefriedigende Ehe tatsächlich zu verlassen.

Und ehrlich gesagt:

Ich finde daran nichts Schlechtes.

Eine Frau soll gehen dürfen.

Ein Mann soll gehen dürfen.

Niemand sollte in einer Beziehung bleiben müssen, die er nicht mehr führen will.

Aber genau hier beginnt meine Kritik:

Das Recht zu gehen ist nicht das Recht, die Geschichte umzuschreiben.

Eine Frau darf sagen:

„Ich möchte diese Ehe nicht mehr.“

Dafür braucht sie keinen Beweis, dass ihr Mann ein Narzisst ist.

Sie braucht keinen psychologischen Befund über ihren Ex.

Sie braucht keine dramatische Geschichte.

„Ich will diese Beziehung nicht mehr“ ist ein ausreichender Grund für eine Trennung.

Genauso gilt das für Männer.

Und genau deshalb stört mich die moderne Angewohnheit, aus einer Trennung so häufig eine Täter-Opfer-Geschichte zu machen.


Plötzlich war der Ex immer schon das Problem

Das ist der Teil, den ich als „Hate Blast“ bezeichnen würde.

Gestern:

„Ich liebe dich.“

Heute:

„Er war toxisch.“

Morgen:

„Er ist ein Narzisst.“

Übermorgen:

„Er hat mich psychisch kaputtgemacht.“

Und plötzlich steht der neue Partner daneben und sieht nicht aus wie der Nachfolger.

Er sieht aus wie der Retter.

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Denn:

„Ich habe mich in einen anderen Mann verliebt.“

klingt anders als:

„Ich habe endlich jemanden gefunden, der mich aus dieser schrecklichen Beziehung gerettet hat.“

Im ersten Satz steckt Eigenverantwortung.

Im zweiten Satz gibt es einen Täter, ein Opfer und einen Retter.

Und genau diese Rollenverteilung interessiert mich.

Forschung zu Scheidungsnarrativen zeigt tatsächlich, dass Menschen nach einer Scheidung häufiger den Ex-Partner für die Probleme verantwortlich machen als sich selbst. Gleichzeitig waren diejenigen, die die Ursache eher in der Beziehung selbst sahen, im Durchschnitt besser an die Scheidung angepasst.

Das ist für mich eine bemerkenswerte Erkenntnis.

Denn vielleicht brauchen Menschen nach einer Trennung manchmal einen Schuldigen, um die eigene Geschichte erträglicher zu machen.

Aber eine Beziehung besteht normalerweise aus zwei Menschen.

Und zwei Menschen können eine Beziehung beenden, ohne dass einer von ihnen ein Monster sein muss.


Das „Seed“-Problem

Hier kommt eine weitere Ebene meiner Beobachtung.

Wenn eine Trennung bereits vorbereitet wird, kann das soziale Umfeld bereits lange vorher eine bestimmte Geschichte hören.

Nicht unbedingt bewusst manipulativ.

Vielleicht ist es einfach:

„Ich bin so unglücklich.“

„Er versteht mich nicht.“

„Mit ihm kann ich nicht reden.“

„Er behandelt mich nicht richtig.“

„Ich glaube, er ist irgendwie krank.“

Solche Gespräche sind völlig legitim.

Jeder Mensch braucht jemanden, mit dem er über seine Probleme reden kann.

Aber über Monate entsteht dadurch möglicherweise ein Bild.

Die Freundin kennt die Beziehung nicht.

Der Freund kennt die Beziehung nicht.

Die Familie kennt die Beziehung nicht.

Sie kennen nur eine Seite der Geschichte.

Wenn die Trennung dann tatsächlich kommt, ist die Bewertung bereits vorbereitet.

Der Ex ist nicht mehr einfach:

„Der Mann, mit dem es nicht mehr funktioniert hat.“

Er ist:

„Der Mann, von dem wir schon immer wussten, dass er schlecht für sie ist.“

Und wenn dann gleichzeitig ein neuer Partner auftaucht, ist das Narrativ perfekt.

Der alte Mann war das Problem.

Der neue Mann ist die Lösung.

Und niemand fragt mehr:

Wann genau begann eigentlich die neue Geschichte?


Der neue Partner als Retter

Hier liegt für mich der vielleicht spannendste Punkt des gesamten Themas.

Wenn eine Frau oder ein Mann nach einer Trennung direkt einen neuen Partner hat, muss das überhaupt nichts Schlechtes bedeuten.

Menschen verlieben sich.

Das Leben ist nicht ordentlich.

Manchmal begegnet man jemandem, während die alte Beziehung bereits emotional beendet ist.

Aber wenn der neue Partner bereits während der alten Beziehung aufgebaut wurde, verändert sich die Situation.

Dann ist die Entscheidung nicht mehr:

Bleibe ich oder bin ich allein?

Sondern:

Bleibe ich bei meinem bisherigen Partner oder nehme ich die neue Möglichkeit?

Und das ist psychologisch eine völlig andere Ausgangslage.

Die Forschung zu Rebound-Beziehungen zeigt beispielsweise, dass Menschen nach einer Trennung relativ schnell neue Beziehungen beginnen können und dass eine neue romantische Verbindung sogar dabei helfen kann, sich emotional vom Ex zu lösen.

Auch das ist kein Beweis für Trittbrettfahren.

Aber es zeigt:

Ein neuer Partner kann die Verarbeitung einer alten Beziehung tatsächlich beeinflussen.

Und genau deshalb lohnt es sich, den Zeitpunkt zu betrachten.


Und dann kommen die Kinder

Hier hört für mich der Spaß endgültig auf.

Denn zwischen zwei Erwachsenen kann man sich streiten.

Man kann sich hassen.

Man kann sich gegenseitig blockieren.

Man kann sich gegenseitig für alles verantwortlich machen.

Aber Kinder sollten nicht zum Schlachtfeld dieser Geschichte werden.

Leider ist das nicht nur eine persönliche Vermutung.

Die Forschung zu parent-child triangulation – also Situationen, in denen Kinder in den Konflikt zwischen ihren Eltern hineingezogen werden – ist umfangreich.

Eine 2026 veröffentlichte Meta-Analyse wertete 49 Studien mit insgesamt 23.336 Personen aus und fand einen moderaten Zusammenhang zwischen Konflikten zwischen den Eltern und dem Gefühl der Kinder, zwischen ihnen zu stehen.

Eine weitere Meta-Analyse aus 2026 untersuchte 54 Studien mit 25.582 Personen und fand Zusammenhänge zwischen dem Gefühl der Kinder, zwischen den Eltern zu stehen, und verschiedenen Problemen der kindlichen Anpassung.

Das ist kein kleines Randthema.

Das ist ein wissenschaftlich untersuchtes Familienproblem.

Und genau deshalb macht es mich wütend, wenn Kinder zu Überbringern von Botschaften werden.

„Sag deinem Vater …“

„Deine Mutter hat gesagt …“

„Du musst wissen, wie dein Vater wirklich ist.“

„Dein Vater ist ein Lügner.“

Das Kind bekommt dadurch eine Aufgabe, die es niemals haben sollte:

Es soll entscheiden, welcher Elternteil der Gute und welcher der Böse ist.

Eine Meta-Analyse aus 2020 mit 115 Stichproben und fast 25.000 Personen zeigte ebenfalls Zusammenhänge zwischen elterlichem Konflikt, bestimmten Erziehungsprozessen und der psychosozialen Anpassung von Kindern nach Scheidung. Besonders negative Erziehungsprozesse und Rollendiffusion erwiesen sich als relevante Mechanismen.

Das Kind gehört aber nicht in diese Rechnung.

Es ist kein Richter.

Es ist kein Bote.

Es ist kein Druckmittel.

Und es ist auch kein Beweis dafür, welcher Elternteil „gewonnen“ hat.


Ich kenne diese Situation persönlich

Ich bin nicht irgendein Beobachter von außen.

Ich habe selbst drei Trennungen mit Kindern erlebt.

Ich wurde als Bösewicht dargestellt.

Als nicht beziehungsfähig.

Als abartig.

Als Lügner.

Mir wurde von einer Ex-Partnerin gegenüber meinen Kindern sogar abgesprochen, dass bestimmte Dinge aus meinem eigenen Leben überhaupt stattgefunden hätten.

Ich habe gedient.

Ich war bei IFOR im Einsatz.

Und trotzdem wurde meinen Kindern erzählt, ich würde Dinge erfinden.

Ich hätte meine Kinder mit meiner eigenen Geschichte über ihre Mutter konfrontieren können.

Ich hätte ihnen erzählen können, was ich erlebt habe.

Ich hätte ihnen sagen können:

„Eure Mutter lügt.“

Ich habe es nicht getan.

Nicht weil ich keine eigene Geschichte hätte.

Sondern weil ich der Meinung war und bin:

Kinder müssen nicht die Wahrheit über jeden Streit zwischen Erwachsenen tragen.

Heute leben drei meiner Kinder bei mir.

Und genau das hat mich irgendwann nachdenklich gemacht.

Denn ich möchte damit nicht behaupten:

„Deshalb war ich automatisch in allem im Recht.“

Das wäre genauso falsch.

Kinder können bei einem Elternteil leben, obwohl dieser Fehler gemacht hat.

Eine Wohnsituation ist kein Gerichtsurteil.

Aber sie zeigt zumindest eines:

Die Realität einer Familie ist häufig komplizierter als die Geschichte, die nach einer Trennung über einen Menschen erzählt wird.


Die starke Frau

Und hier komme ich zu einem weiteren Punkt, über den ich wahrscheinlich einigen Menschen auf die Füße treten werde.

Ich habe überhaupt kein Problem mit starken Frauen.

Im Gegenteil.

Ich liebe Frauen.

Aber ich liebe Frauen nicht deshalb, weil sie Frauen sind.

Ich respektiere Menschen, die ehrlich mit sich selbst umgehen.

Eine starke Frau braucht keinen Mann, den sie zum Monster machen muss.

Eine starke Frau kann sagen:

„Diese Beziehung ist für mich vorbei.“

Punkt.

Das ist Stärke.

Aber Stärke bedeutet für mich nicht:

„Ich habe gewonnen und er ist der Böse.“

Stärke bedeutet:

„Ich übernehme Verantwortung für meine Entscheidung.“

Und genau das gilt genauso für Männer.

Ein Mann, der seine Frau verlässt und anschließend behauptet, sie sei verrückt, krank und schuld an allem, ist deswegen nicht automatisch stark.

Er kann genauso gut vor seiner eigenen Verantwortung davonlaufen.


Der Ballon

Vielleicht lässt sich das ganze Phänomen mit einem Bild erklären.

Stell dir einen Heißluftballon vor.

Zwei Menschen sitzen darin.

Jahrelang fliegen sie gemeinsam.

Dann erscheint irgendwo ein anderer Mensch.

Ein neues Angebot.

Eine neue Aufmerksamkeit.

Eine neue Möglichkeit.

Und plötzlich scheint der alte Partner nur noch Ballast zu sein.

Also wird Ballast abgeworfen.

Der bisherige Partner wird aus dem Leben entfernt.

Und der neue Mensch kommt an Bord.

Das Problem ist nicht, dass jemand einen neuen Menschen liebt.

Das Problem ist die Frage:

Wurde der alte Mensch wirklich deshalb abgeworfen, weil die Beziehung beendet war – oder weil bereits jemand anderes bereitstand, an seine Stelle zu treten?

Und wenn anschließend noch die Geschichte erzählt wird, dass der neue Mensch einen aus der alten Beziehung „gerettet“ hat, wird aus dem Partnerwechsel eine moralische Befreiungsgeschichte.

Das ist mein Trittbrettfahren.


Was ich damit ausdrücklich nicht sagen will

Ich sage nicht:

Alle Frauen machen das.

Ich sage nicht:

Männer machen es niemals.

Ich sage nicht:

Jede Frau, die sofort einen neuen Partner hat, hat ihren Ex betrogen.

Ich sage nicht:

Jeder Vorwurf gegen einen Ex ist gelogen.

Und ich sage auch nicht:

Jede Trennung braucht einen Schuldigen.

Ganz im Gegenteil.

Ich glaube, wir sollten viel häufiger den Mut haben, eine viel unspektakulärere Wahrheit zu akzeptieren:

Unsere Beziehung ist gescheitert.

Das reicht.

Manchmal hat einer mehr Schuld.

Manchmal beide.

Manchmal war niemand böse.

Manchmal war jemand tatsächlich ein Täter.

Aber wir sollten aufhören, aus jedem Beziehungsende automatisch eine fertige Geschichte zu machen, in der wir bereits wissen, wer das Opfer und wer der Täter ist.


Die Frage, die für mich bleibt

Vielleicht ist das die wichtigste Frage meines gesamten Gedankens:

Warum fällt es uns so schwer, eine Beziehung einfach als beendet zu akzeptieren?

Warum muss aus einem Ende so häufig eine Anklage werden?

Warum muss aus dem neuen Partner ein Retter werden?

Warum muss der Ex zum Monster werden?

Warum müssen Freunde und Familie Partei ergreifen?

Und warum werden Kinder manchmal hineingezogen?

Vielleicht brauchen Menschen diese Geschichten, weil sie einfacher sind.

„Wir haben uns auseinandergelebt“ ist kompliziert.

„Er war ein Narzisst“ ist einfach.

„Wir haben beide Fehler gemacht“ ist kompliziert.

„Er hat alles kaputt gemacht“ ist einfach.

„Ich habe mich verliebt und bin gegangen“ ist ehrlich, aber unbequem.

„Ich musste gerettet werden“ ist eine Heldengeschichte.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum das Trittbrettfahren gesellschaftlich so interessant ist.

Denn es geht nicht nur um den Partnerwechsel.

Es geht um die Geschichte, die den Partnerwechsel legitimiert.


Trittbrettfahren ist keine Anklage gegen Frauen

Vielleicht ist das am Ende sogar der wichtigste Satz dieses Essays.

Ich möchte keine Frauen zurück in irgendwelche alten Rollen schicken.

Ich möchte keine Männer von Verantwortung freisprechen.

Ich möchte keine Opfer unsichtbar machen.

Ich möchte lediglich eine Frage stellen:

Kann ein Mensch stark sein, ohne den Menschen, den er verlässt, zum Bösewicht machen zu müssen?

Ich glaube:

Ja.

Kann eine Frau eine Ehe verlassen, ohne ihren Mann zu diffamieren?

Ja.

Kann ein Mann eine Beziehung verlassen, ohne seine Frau zu zerstören?

Ja.

Kann man einen neuen Menschen lieben, ohne die Vergangenheit umzuschreiben?

Ja.

Kann man Kindern erlauben, beide Eltern zu lieben?

Ja.

Und kann man nach zehn, zwanzig oder dreißig Jahren Beziehung einfach sagen:

„Es hat nicht mehr funktioniert. Es tut weh. Aber es ist vorbei.“

Ja.

Vielleicht wäre genau das manchmal die erwachsenste Form einer Trennung.

Nicht der Hate Blast.

Nicht der neue Retter.

Nicht die öffentliche Demontage.

Nicht das Umdichten der Vergangenheit.

Nicht das Ziehen der Kinder auf die eigene Seite.

Sondern schlicht:

„Unsere gemeinsame Zeit ist vorbei. Ich gehe meinen Weg. Du gehst deinen. Und ich werde unseren Kindern nicht die Möglichkeit nehmen, dich trotzdem zu lieben.“

Vielleicht ist das keine Schwäche.

Vielleicht ist das echte Stärke.

Und vielleicht brauchen wir deshalb weniger Trittbrettfahrer – und mehr Menschen, die den Mut haben, aus einer Beziehung auszusteigen, ohne den Menschen darin vorher zu zerstören.

Denn eine Trennung beendet eine Beziehung.

Sie muss nicht den Charakter des anderen Menschen beenden.



Eure Meinung zählt

Mich interessiert eure Sicht auf das Thema.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Kennt ihr solche Muster aus eurem Umfeld?

Schreibt eure Gedanken gerne in die Kommentare – sachlich, ehrlich und respektvoll.

Vielleicht erkennen wir gemeinsam ein Muster, das wir bisher einfach hingenommen haben.

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