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#wissenschaft

Korrelation, Kausalität und das vergessene Zwischendings.

Meine Anmerkungen zur Klimadebatte, Teil 1.

Irgendwie haben Leugner von wissenschaftlichen Fakten natürlich Recht. Aber trotzdem liegen sie komplett falsch.

Intro

Greta und ihre Antagonisten haben es geschafft. Der Klimawandel ist nun auch ein trendendes Thema auf STEEM. Dummerweise findet sich hier weit und breit kein Klimawissenschaftler, und daher muss ich mich der Sache wohl annehmen. Wobei mir durchaus etwas unwohl ist... Natürlich habe ich mich mit  der Materie etwas beschäftigt, aber ein erklärter Spezialist bin ich sicher nicht.

Na ja, was solls, irgendwer muss es ja machen. Das Thema ist einfach verdammt wichtig, und die Wissenschaft wird dazu leider oft missverstanden – und zwar nicht nur von sogenannten „Klimaskeptikern“, sondern durchaus auch von Greta & Co.

Ich beginne die Serie mit der Adaption/Übersetzung eines Artikels, den ich vor langer, langer Zeit mal geschrieben habe – damals habe ich noch ausschließlich auf Englisch gebloggt. Er handelt generell von einem gewissen Kommunikationsproblem der Naturwissenschaften, gilt aber besonders für die Klimathematik. Ich erlaube mir, ein paar Leute zu taggen, mit denen ich kürzlich debattieren durfte: @isabellaklais, @mundharmonika, @stayoutoftherz

Die Ausgangslage dazu war, dass ich nach meinen ersten Wochen auf Steemit offen gesagt etwas schockiert war, wie viele Anhänger von abstrusen Theorien sich dort tummelten. Aids existiert nicht? Impfen tötet? Der menschgemachte Klimawandel ist nicht real?

Ich konnte nicht anders: Ich warf mich in die Schlacht und nahm jede Möglichkeit zur Diskussion wahr. Dabei stieß ich immer öfter auf einen Satz, der das Credo meiner Sparring-Partner zu sein schien: „Korrelation ist nicht Kausalität!“

Natürlich haben sie diesbezüglich Recht. Korrelation ist nicht gleich Kausalität. Aber kann das wirklich heißen, dass jede Korrelation als bedeutungslos angesehen werden darf, bis man einen kausalen Zusammenhang zu 100% beweisen darf?

Spoiler Alert: Nein. Aber der Reihe nach...

https://steemitimages.com/640x0/https:/steemitimages.com/DQma2KzRXjcVAKQShWrifpX5kjQRWr8ZjDijitaFG1p8fKQ/3202552975_9b29069a5f_z.jpg

Eine extrem überraschende Korrelation. CC-BY-SA, Quelle

Definitionen

Korrelation ist definiert als eine bestimmte Beziehung von statistischen Variablen. Wir beobachten zum Beispiel: Wenn Variable 1 steigt, steigt auch Var2. Dies kann daran liegen, dass Var1 Var2 verursacht oder umgekehrt (was wir dann Kausalität nennen), aber es kann auch reiner Zufall sein. Da man statistisch fast alles mit allem in Verbindung bringen kann, kann man leicht zufällige Korrelationen herstellen, und manchmal sind sie wirklich lustig - wer Beispiele zum Lachen will, der folge diesem Link!

https://steemitimages.com/DQmaEYMQy8kSwHnC2qEq4DLLMycV14aKKSqFArJqDTKDvAf/comic.jpg

CC-BY-NC, Quelle

Das Dilemma mit der Kausalität

Wie können wir also einen kausalen Zusammenhang zwischen zwei korrelierenden Variablen herstellen? Dazu müssen wir beweisen, dass var1 var2 verursacht, und der einzige Weg, dies zu tun, ist das Experiment.

Ein Beispiel: Wenn das Schlagen des Kopfes gegen die Wand dir bei jedem Versuch einen stechenden Schmerz beschert, steht dieser Kopfschmerz in einem nachgewiesenen kausalen Zusammenhang mit deinem (leicht idiotischen) Verhalten. Man beachte, dass dies einseitig ist, d.h. es bedeutet nicht, dass jede Kopfschmerz, den du jemals fühlen wirst, diese spezifische Ursache hat. Wissenschaftlich gesprochen ist es ausreichend, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen, um Kopfschmerzen zu verursachen, aber es ist nicht notwendig.

Das Problem bei dieser Abhängigkeit von Experimenten ist, dass diese - obwohl sie das Rückgrat der meisten Naturwissenschaften bilden - sehr oft nicht durchführbar sind. So können wir beispielsweise die Kausalität zwischen CO2-Gehalt der Atmosphäre und Klimawandel nicht nachweisen, indem wir erstere bewusst auf ein gefährliches Niveau anheben, da dies – wenn unsere Hypothese stimmt - unseren Heimatplaneten irreversibel schädigen würde.

Dieses Dilemma bietet eine offene Flanke für Wissenschaftsverweigerer aller Art. Solange wir keinen kausalen Zusammenhang nachweisen können, ist es für sie ebenso gültig zu behaupten, dass es ihn einfach nicht gibt und daher fühlen sie sich auch im Recht, wenn sie diesen Glauben weiterverbreiten oder Verschwörungen konstruieren.

Technisch gesehen haben sie ja Recht.  Dieser Formalfehler der Wissenschaft existiert. Aber real liegen sie trotzdem falsch. Denn Wissenschaftsbereiche, die keine Experimente durchführen können und daher nie in der Lage sein werden, 100% bestimmte Fakten zu liefern, sind bei weitem nicht ungültig.

Wahrscheinlichkeit

Weil es einen „Workaround“ gibt: die Wahrscheinlichkeit einer kausalen Beziehung zwischen korrelierenden Variablen zu berechnen. Dies kann durch den Einsatz statistischer Methoden geschehen, deren Gültigkeit mathematisch nachgewiesen und daher unangreifbar ist, oder auch durch Schätzung auf der Grundlage vorhandener Daten. 

Wenn die verfügbaren Daten in überwältigender Dichte in eine Richtung weisen, wenn wir dazu vielleicht auch noch einen nachweislich funktionierenden Mechanismus kennen, können wir so gut wie sicher sein, das es eine Kausalität gibt - auch wenn wir sie nicht eindeutig (im Sinn von 100,00%) nachweisen können. Außerdem können wir auch die Wahrscheinlichkeit von Gegenhypothesen kalkulieren und dann die Argumente abwägen.

Und so kann man auf Grundlage der vorliegenden Daten beispielsweise berechnen, dass:

- die Wahrscheinlichkeit, dass die aktuelle Erderwärmung großteils von steigenden Treibhausgas-Konzentrationen verursacht wird, bei rund 99,999% liegt.

- die Menschheit mit einer Wahrscheinlichkeit über 99% an eben diesem Effekt Schuld ist.

Das sind natürlich nur 2 Studien von vielen mit ähnlichen Ergebnissen. Und sorry, aber die einzige Möglichkeit, da raus zu kommen, besteht darin, sich eine großflächige Verschwörung aller Wissenschaftler einzureden, die sämtliche Rohdaten fälschen, mit denen die Algorithmen gefüttert wurden. Was manche von euch machen, schon klar. Aber diesen muss ich halt leider sagen, dass dann Hopfen und Malz verloren ist und kein Argument der Welt euch jemals überzeugen werden kann.

Bitte beachtet, dass diese Wahrscheinlichkeiten für die Analyse von bereits beobachteten Phänomenen gelten – dass Prognosen viel höhere Unsicherheitsfaktoren haben, steht auf einem anderen Blatt Papier. Das ist dann der Punkt, wo Greta etwas mißversteht.

Und die Frage, was man tun kann/sollte, und was nicht, ist durchaus auch knifflig - mehr dazu in späteren Artikeln.

Meine take-home-message für heute ist:

Wenn wir Wissenschaftler sagen: "Wir können nicht 100% sicher sein", bedeutet das oft, dass wir uns bomben- und granatensicher sind. Wir dürfen das aber einfach nicht sagen, weil wir dazu ausgebildet sind, mathematisch korrekt zu sprechen. Wenn euch jemand weismachen will, dass das bedeutet, die Alternative wäre gleich wahrscheinlich, lacht ihn bitte aus.

Und wenn sich dann doch mal einer von uns hinreißen lässt, zu behaupten, etwas sei sicher, obwohl die Wahrscheinlichkeit bei "nur" 99,9% liegt, seid bitte etwas gnädig. Wir sind auch nur Menschen, die es hassen, nicht ernst genommen zu werden, und manchmal kommt uns einer aus.


Weitere Quellen:

http://www.crashkurs-statistik.de/

https://home.uni-leipzig.de/schreibportal/korrelation-als-kausalitaet/


Von höchster Wichtigkeit, der disclaimer:
In meinem Blog schreibe ich meine ehrliche Meinung als Forscher, nicht mehr und nicht weniger. Ich bin ein Mensch, manchmal unterlaufen mir Fehler. Diskutiert mit mir, seid anderer Meinung – wenn ihr die besseren Argumente bringt, überleg‘ ich gern ein zweites Mal.



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Comments · 16

  • @steemdunk(54)· 2502d

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  • @jaki01(77)· 2504d

    Ich hatte mich vor ca. vier Monaten an dem Thema versucht, weiß aber nicht, ob du meinen damaligen Artikel (samt der umfangreichen, sich daran anschließenden Diskussion) gelesen hattest.

  • @felix.herrmann(71)· 2504d

    ach mei, WO fange ich an...

    flickr gore.jpg

    As Al Gore said, "Yes, they fit." This chart shows how Total Annual Carbon Emissions are directly affected by Population Growth. flickr/2009

    Gore joins Valley's Kleiner Perkins to push green business sfgate/2007

    cui bono, @felixxx?

  • @chappertron(67)· 2504d

    Hi Sco, danke für deinen Artikel. Es ist für mich immer wieder unbegreiflich wie man dagegen argumentieren kann, dass durch mehr Menschen und Wirtschaft auch mehr CO2 ausgestoßen wird. Das ist natürlich vollkommen logisch! Fraglich ist meiner Meinung nach nur eine einzige Sache und zwar, ob durch eine solche Erhöhung auch diese apokalyptischen Szenarien eintreten, die häufig angeführt werden (ich habe kürzlich gehört, dass in etwa 50 bis 100 Jahren alles Leben auf dieser Erde Geschichte ist). Gibt es verlässliche Studien dazu wie stark sich diese Erhöhung des CO2 auf das Leben auf Erden im negativen Sinne auswirken wird? Dies ist nicht so ganz mein Fachgebiet, deshalb tu ich mich da etwas schwer die Faktenlage richtig zu deuten. Vielleicht könntest du zu dieser Thematik das nächste Mal etwas schreiben. Besten Dank Gruß Chapper

  • @steemstem(74)· 2504d



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  • @felixxx(73)· 2504d

    Empirie also ...

    Wie wahrscheinlich ist es, dass die Mehrheit der Forscher derzeit falsch liegt und wir mit der Wissenschaft noch lange nicht am Ende der Weisheit angelangt sind ?


    Ich bin mit der grundsätzlichen Aussage, dass der Mensch das Klima beeinflusst absolut einverstanden.

    Wie schon an anderer Stelle: Den Skeptikern (wie mir) geht es um die angedachten Maßnahmen, die Genauigkeit der Prognosen und qui bono ?.

    Die Deutsche Umwelthilfe, die maßgeblich die Feinstaubfiltergesetze in Deutschland angekurbelt hat, wurde bis letztes Jahr durch Spenden von Toyota unterstützt.

    Wenn du mal aufhören würdest deinen Berufstand und dein Ego vor alles zu schieben, würden dir überall solche Zusammenhänge auffallen - Können natürlich alles zufällige Korrelationen sein - Aber ich glaube nicht, dass unsere Politiker und Medien die Greta hofieren, weil ihnen die Umwelt am Herzen liegt. Auch das wär statistisch einfach zu unwahrscheinlich ;).

  • @oliverschmid(70)· 2504d

    Ich küsse deine Augen.

  • @steemitboard(66)· 2505d

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  • @egotheist(65)· 2505d

    Bitte beachtet, dass diese Wahrscheinlichkeiten für die Analyse von bereits beobachteten Phänomenen gelten – dass Prognosen viel höhere Unsicherheitsfaktoren haben, steht auf einem anderen Blatt Papier. Das ist dann der Punkt, wo Greta etwas mißversteht.

    Nicht nur die Aktivisten scheinen das falsch zu verstehen, sondern auch ihre Gegner. Das liegt mMn aber auch daran, weil die öffentliche Debatte ein solches Bild suggeriert, auch wenn die Forschung selbst dazu differenziertere Aussage trifft. Es gibt da ein schönes Paper dazu, was das Dilemma imho recht gut auf den Punkt bringt:

    The study of climate science is limited by the inability to perform controlled, repeated experiments with our planet. Thus, data of past climate behavior are especially important in climate science, serving as our only observations of the system dynamics. However, given data constraints, model simulations (linked with available data) often provide the most useful tool to explore the potential dynamics of the climate system. Despite these many uncertainties and challenges, some well-defined experiments can be constructed. Using the methods of detection and attribution, the international scientific community has come to the consensus that: “the warming of the climate system is unequivocal” and “most of the observed increase in global average temperatures since the mid-20th century is very likely due to the observed increase in anthropogenic greenhouse gas concentrations” [Solomon et al., 2007]. Using a variety of historical and proxy data in combination with a diversity of modeling experiments, climate scientists have been able to project the potential impacts of humans’ greenhouse gas emissions [Parry et al., 2007]. A truism, likely to persist for decades more, is that some aspects of climate model projections are well established, others demonstrate competing explanations, and yet others are likely to continue to remain speculative.

    https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/B9780444520760500171?fbclid=IwAR2Veb3VdfJnpQT1GElZY6g3nRGCent4oxdVYk-JSAoTn4RoxKoz8lQ2hZE

    Man kann die Nutzlosigkeit von akkuraten Prognosen anzweifeln, aber genau das als Anlass nehmen, sich extrem konservativ zu positionieren und nach besseren Maßnahmen als bisher zu schauen. Das hätte vor allem im öffentlichen Diskurs den Vorteil, dass man sich gegenüber den Skeptikern entspannt hinstellen und sagen kann „Yep, wir wissen, dass wir keine absolut genauen Vorhersagen treffen können, müssen wir aber auch nicht, da das Risiko, dass wir alle ein ziemliches Nachsehen haben werden, schlicht ein zu hoher Trade-Off ist. Vielleicht liegen wir 99 Mal daneben, aber ein extremes Ereignis, das all unsere Prognosen in den Schatten stellt, genügt, um den Planeten für uns unbewohnbar zu machen. Das Risiko wollen wir nicht eingehen, daher sind entsprechende vermeidende Maßnahmen sinnvoll.“

  • @stehaller(70)· 2505d

    Bei all dem bösen CO2 sollte man sich einmal die Frage stellen, was passiert wäre, wenn sich die Menschen um 1850 beschlossen hätten:

    "Wir lassen das mit der industriellen Revolution. CO2 ist schließlich schlecht für das Klima."

    Wer sich der Tragweite dieser Entscheidung nicht bewusst ist, kann ja einmal versuchen 1 Woche so zu leben wie um 1850.

    Und dann sollte man sich noch fragen, was bei den Billionen die für den Kampf gegen den Klimawandel aufgewendet werden, tatsächlich dabei raus kommt und ob dieses Geld nicht vielleicht an anderer Stelle bessere Dienste verrichten könnte.

    Und dann sollte man sich noch fragen, ob man wirklich, bei all dem was die Politiker weltweit in den letzten 100 Jahren angerichtet haben, denen die Rettung des Weltklimas anvertraut.

    Mir ist es vollkommen egal, ob die Leugner oder die Nicht-Leugner recht haben. Für mich ist wichtig was hinten dabei rauskommt. Also wie erreichen wir den größten Nutzen für die Weltbevölkerung. Mit einer weltweiten Klimaplanwirtschaft werden wir den Wohlstand vor allem für die Milliarden bettelarmen Menschen in Afrika und in Teilen von Asien ganz sicher nicht mehren.

    Zum Abschluss noch das sehr unterhaltsame Video von Horst Lüning (Dr. Ing. Luft-und Raumfahrttechnik, also auch kein ganz dummer):

  • @germanbot(59)· 2505d

    Guten Tag,

    Mein Name ist GermanBot und du hast von mir ein Upvote erhalten. Als UpvoteBot möchte ich dich und dein sehr schönen Beitrag unterstützen. Jeden Tag erscheint ein Voting Report um 19 Uhr, in dem dein Beitrag mit aufgelistet wird. In dem Voting Report kannst du auch vieles von mir erfahren, auch werden meine Unterstützer mit erwähnt. Schau mal bei mir vorbei, hier die Votings Reports. Mach weiter so, denn ich schaue öfter bei dir vorbei.

    Euer GermanBot

  • @beerlover(65)· 2505d



    Hey @sco, here is a little bit of BEER for you. Enjoy it!

  • @curationvoter(61)· 2505d

    Weils schmeckt, ein !BEER

  • @jedigeiss(74)· 2505d

    Schöner Artikel mein lieber, wenig aufdringlich und durchweg korrekt ! LG Jan

  • @beerlover(65)· 2505d



    Hey @sco, here is a little bit of BEER for you. Enjoy it!

  • @isnochys(67)· 2505d

    Dafür gibts ein höchst wahrscheinliches !BEER