Im »Chalet Hive« klärt sich die Brühe.
(Abschließende Episode – wie rasch aus einem Strudel ein reißender Strudel zu werden droht.)
Dies ist mein 2. Gedankengang zu dem Thema, das @vanje mit diesem Beitrag anstieß.
Vorwort:
Wer die erste Episode über meinen Besuch im »Chalet Hive« gelesen, oder überflogen, jedoch nicht ignoriert hat, dem wird aufgefallen sein, dass ich mich dem Thema Blockchain Hive nicht als Veränderer, Visionär, Hoffnungsapostel oder Totengräber nähere, sondern es mir recht bequem als Gast im Restaurant eingerichtet habe und als Beobachter und Verkoster mir anschließend ein Urteil darüber bilden möchte, welche Faktoren mich zu einem Dauergast oder (auch nicht gänzlich ausgeschlossen) zu einem Stippvisitenbesucher werden lassen, der sich nur noch ganz gelegentlich an den gedeckten Tisch verirrt, um in Erfahrung zu bringen, ob sich etwas zum Besseren getan hat.

Es zahlte sich für mich noch nie aus, einem sich konstant intensiver meldenden Hungergefühl langfristig die kalte Schulter zu zeigen, da sich stets herausstellte, dass der „Bettler“ die größere Ausdauer an den Tag legt und ich später genervt alle guten Vorsätze über Bord werfe und den inneren Quälgeist mit Produkten ruhigzustellen versuche, denen ich, mit eingeschaltetem Verstand, nie und nimmer einen Funken Aufmerksamkeit schenken – geschweige denn, meinen Verdauungsorganen zur Verarbeitung zumuten würde. Ich bezeichne dieses Verhalten als die notgedrungene Befriedigung eines körperlichen Verlangens, dessen man sich im Anschluss getrost noch ein paar Tage schämen kann.

Um solche Nebenschauplätze zu meiden, sollte ich daher langsam in die Gänge kommen und mir ausgiebig zu Gemüte führen, was mir im »Chalet Hive« angeboten wird und was davon letztlich meinen Gaumen und andere Sinnesorgane erfreuen sollte. Bevorzugt, bei der Auswahl meiner Vorspeise, wird unter Garantie immer die Zubereitungsart und Zusammenstellung der Komponenten, die am meisten Spannung verspricht. Hier bietet mir einer der Hive-Köche etwa den grünen Spargel mit einer Hollandaise und gekochtem Schinken an. Das mag dem einen oder anderen Gast lecker erscheinen, doch findet es bei mir keinerlei Beachtung, da diese Kombination keinerlei innovatives Momentum verspricht. Altbekanntes mit der Extraprise Langeweile. Provokation und Innovation können sich hervorragend ergänzen. Wenn ich mir eventuell die Hivekochschürze umbinden sollte, dann wird der Spargel mit einem leichten Tempurateig im Kokosfett ausgebacken und mit einer Erdbeer-Chili-Salsa serviert. Lieber grandios scheitern, als in der Altbackenheit versinken.

Was mir zudem beim Blick auf das Angebot negativ auffällt, scheint auch im »Chalet-Hive« der Copy‑&-Paste-Spinat mitsamt dem (Blau-)schimmelbelag ein fester Bestandteil unter den Tagesgerichten zu sein. Dabei stellt sich mir die Frage, wieso ich mich mit einem Abklatsch dessen verköstigen soll, was ich am Morgen im Repertoire der Großküche vom Holzbrink-Verlag bereits entdeckt habe. Der Doppelgänger erfährt auch (bei mir zumindest) keinen Deut mehr Anziehungskraft, nur dadurch, dass der Chefkopierer am Küchenherd sich über den Kellner bei mir erkundigen lässt, was ich zu der Wiederaufarbeitung beizutragen habe. Stehende Ovationen für „Aufgewärmtes“ sind von mir mit Sicherheit nicht zu erwarten.

Recht interessant empfinde ich jedoch die kulinarischen Präsentationen, denen der verantwortliche Zubereiter eine mehr oder weniger ausführliche Geschichte zu dem Dargereichten beilegt. Das kann sich dann vom Ursprung, über die Epik dahinter, bis zu den prägnanten Veränderungen im Lauf der Jahre hinziehen. Auf zwei Komponenten sollte der Chronist allerdings sein Augenmerk richten. Grammatikalisch einwandfreie Wortketten, aber ohne erfrischende Gewürze wie die Prise Humor oder den eingeflochtenen Pfiff, wirkt das Ganze eher wie ein Beipackzettel ohne Seele.
Leider trauen sich auch Hive-Köche an diese Form der ausführlichen Zubereitung, die sich offensichtlich einen Teufel darum scheren, ob der Gast mit der mitgelieferten Offenbarung einer enormen Schwäche bezüglich der Orthografie nicht überfordert wird. Bei mir jedenfalls verursacht diese Beigabe mittelschwere Magenkrämpfe, da ich den Fenchel mit Sternanis, der sich an den pochierten Seeteufel schmiegt, längst ins Nirwana schob, da ich uneingeschränkt mit dem Addieren der Rechtschreibfehler beschäftigt bin. Offensichtliche Schludrigkeit im Umgang mit der Tastatur – das verursacht keinen Beinbruch. Doch der Muttersprache mit heftigsten Mitteln das Fell über die Ohren zu ziehen, das hat sie wahrlich nicht verdient.

Augenblicklich deutet vieles darauf hin, dass ich mich heute mit der gratinierten Zwiebelsuppe, dem Wienerschnitzel mit Röstkartoffeln und Gurkensalat, sowie den heißen Zimtpflaumen und dem Quarkstrudel zufriedengebe. Doch, und dies sollte nicht unerwähnt bleiben, so gut die Hausmannskost auch munden mag, nur darauf zu setzen, erachte ich als ein Wagnis, da es bei mir keinerlei Anreiz erzeugt, im »Chalet Hive« zum zufriedenen Dauergast zu avancieren.
Sollte beim Dessert auch noch der Strudel nicht das halten, was ich im Voraus an Hoffnungen in ihn investiert habe, dann könnte sich die Bedeutung des Substantivs dramatisch verändern und der Strudel entwickelt seine Kraft in kontraproduktiver Form.

Fazit: Hive kann mitreißend sein. Nur gilt es auch hier, diesem Adjektiv das passende Kleid zu verpassen. Solange dem kopierten Spinat mit seinem Blauschimmelbelag mitsamt dessen Wiederaufarbeitung keine Resonanz in den Medien widerfährt, wo er einst aufgefunden und für diskussionswürdig erachtet wurde, bleibt das »Chalet Hive« ein Insider-Treffpunkt mit Eckkneipen-Charakter. Jeder, auch noch so unbedeutende Furz, der seinen Weg via Facebook, Instagram, X, Telegram oder wie auch immer sich die Kanäle benennen, an die Öffentlichkeit findet, ist rascher in der Tagespresse wiederzufinden, als der kreative Koch in der Hive-Küche am Morgen seine Berechtigung zum Eintritt in „seinen Laden“ bestätigen kann. Spannend im Chalet wird es erst dann, wenn ich am Morgen die FAZ, die NZZ oder den Standard aufschlage und dort (spätestens auf Seite 3) neue Rezepturen (und die kreativen Köpfe dahinter) aus dem »Chalet Hive« dem Leser vorgestellt werden. Wenn dies nicht gelingt, darf es niemanden verwundern, wenn (noch in absehbarer Zeit) in der Herberge des exquisiten Geschmacks, einer ehemaligen Kneipe nachgetrauert wird, die längst aus jedem Handelsregister verschwunden ist. Ausgiebiges Gejammer ist nicht als sonderlich zukunftsorientiert in den Lexika beschrieben.
Genug der Janusköpfigkeit und des erhobenen Zeigefingers. Lieber noch etwas für die Ohren:





