Liebe Leser,
im Jahr 1900 machten Schwammtaucher in einem Schiffswrack vor der griechischen Insel Antikythera (nordwestlich von Kreta) in 42m Tiefe eine sensationelle Entdeckung. Einen Mechanismus zunächst unbekannter Bestimmung, bestehend aus vielen Zahnrädern aus Bronze, die auf komplizierte Weise interagierten und erst nach Jahrzehnten Forschung ihr Geheimnis preisgaben. Es handelt sich um einen analogen Computer zu Berechnung von Mond-, Sonne- und Planetenbahnen, der auch Sonnen- und Mondfinsternisse und Einiges mehr voraussagen konnte. Bis davor wusste man nicht, dass die alten Griechen zu so komplizierter Technik imstande waren. Und selbst im späten Mittelalter hatte man nicht so ausgeklügelte Apparate bauen können.
Leider war er nach fast 2000 Jahren im Meer komplett korrodiert, unvollständig, in mehrere Teile zerbrochen und nicht mehr funktionstüchtig. Die drei größten Fragmente sind heute im Archäologischen Nationalmuseum in Athen ausgestellt.
Die Vorderseite des größten erhaltenen Fragments (ca. 18x15 cm) mit einem vierspeichigen Antriebsrad.
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Der Mechanismus von Antikythera, wie er genannt wird, war von einem Holzkasten umschlossen, dessen spärliche Überreste nach der Bergung an der Luft innerhalb weniger Jahre zerbröselten. Zur Datierung des Kastens mit der C14-Methode war es nicht mehr gekommen, aber aufgrund der Münzfunde im Schiffswrack konnte man den Untergang des Schiffs auf ca. 70 bis 60 v. Chr. datieren. Der Apparat selber könnte aber durchaus älter sein, man schätzt ihn auf ca. 100 v.Chr., er ist somit über 2100 Jahre alt! Aufgrund von korinthischer Schriftzeichen wird angenommen, dass der Entwurf für den Antikythera-Mechanismus möglicherweise von Archimedes oder seinem Umfeld stammt.
Das Verstreichen der Zeit wurde durch Drehen an einem Rad bewerkstelligt, einen Antrieb hatte das Gerät nicht. Astronomische Kunstuhren mit Antrieb wurden erst im 16. Jhd. entwickelt (1700 Jahre später)!
75 Jahre nach der Bergung wurde begonnen, mit modernen Verfahren wie Röntgenstrahlen-Durchleuchtung, Tomographie, etc. den Mechanismus und die 30 erhaltenen Bronze-Zahnräder intensiver zu untersuchen, zu dem Zeitpunkt war er aber schon in viele Teile zerbrochen. Außerdem muss angenommen werden, dass äußere Teile auch schon vor oder bei der Bergung verlorengegangen waren. Aufgrund von materiellen Spuren, z.B. Abdrücke von fehlenden Bauteilen auf bestehenden Teilen etc. und durch Hinweise in den (unvollständigen) Inschriften, versuchte man sich über Jahrzehnte ein Gesamtbild zusammenzureimen, wobei sich die Wissenschaftler anfangs durchaus ziemlich uneins waren, wie das Gerät aufgebaut war. 1958 wurde es erstmals "Computer" genannt.
1972 erfolgte der erste Rekonstruktionsversuch durch den britischen Wissenschaftshistoriker Derek de Solla Price, der aber nicht korrekt war, wie sich später herausstellte.
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1983, nachdem Price gestorben war, versuchten der Physiker und Historiker am Science Museum in London Michael Wright, und der australische Computerhistoriker Allan Bromley, den Apparat besser zu rekonstruieren, was zum Teil gelang. Ab 2002 untersuchte das international besetzte Projekt "Antikythera Mechanism Research Project" den Apparat und machte 2005 neue und schärfere Aufnahmen vom Inneren. Auch half, dass ein neues, bislang nicht beachtetes Fragment auch untersucht wurde. Durch Analyse aller Textfragmente schloss man, dass es sich dabei um Teile einer umfangreichen Bedienungsanleitung handelte. Der Apparat sei daher weniger ein Instrument für Astronomen, sondern eher ein Luxusobjekt für einen reichen Kunden gewesen und daher möglicherweise gar kein Einzelstück.
Zusammenspiel der Zahnräder (laut Theodor Sartoros, 2012):
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Laut der neuesten Rekonstruktionen besaß das Gerät folgende Eigenschaften:
- Drei Hauptanzeigen, eine vorne und 2 auf der Rückseite
- Sonnenkalender mit Monatsskala und babylonischen Tierkreiszeichen
- Mondkalender mit Monatsskala (mit korinthischen Monatsnamen) und Mondphasenanzeige
- Finsterniskalender mit Monatsskala zur Anzeige von vergangenen und künftigen Sonnen- und Mondfinsternissen auf Grundlage des Saros-Zyklus
- Olympiaden-Kalender mit Jahresskala im vierjährigen Olympiaden-Zyklus und Anzeige der Namen der Orte, an denen periodisch die Panhellenischen Spiele stattfanden
- Fünf Planeten-Zeiger (man nimmt insg. 7 Zeiger an, aber nur einer ist erhalten), die die Bewegungen von allen fünf in der Antike bekannten Planeten (Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn) anzeigten
Der Apparat bündelte das gesamte astronomische Wissen der alten Griechen und der Babylonier!
So könnte er ursprünglich ausgesehen haben:
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Es muss das Werk eines Genies gewesen sein, aber nicht nur das! Die Handwerkskunst, diese ganzen komplexen Übersetzungen der Zahnräder auch technisch und mit hoher Präzision mit antiken Mitteln umzusetzen, erfordert unglaubliches Geschick, Geduld und Passion! Schwer vorstellbar, dass es davon mehr als 1 Gerät gegeben hat.
Eine gute Ahnung von der immensen Arbeit, die die Konstruktion des Mechanismus von Antikythera erfordert haben muss, vermitteln die Videos von "Clickspring", der über Jahre den Apparat rekonstruiert - mit den Mitteln und Werkzeugen, die es damals gegeben hat, und das dankenswerterweise exzellent mit der Kamera festhält, bis ins kleinste Detail. Diese Videos sind pure Meditation, schaut einmal rein: https://www.youtube.com/@Clickspring
Ein Teil des von "Clickspring" rekonstruierten Mechanismus.
Quelle
Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Mechanismus_von_Antikythera https://web.archive.org/web/20110221204426/http://www.antikythera-mechanism.gr/project/overview https://www.nature.com/articles/nature07130 https://www.dpma.de/dpma/veroeffentlichungen/meilensteine/computer-pioniere/antikytera-mechanismus/index.html https://www.nature.com/articles/s41598-021-84310-w
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