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Im Naturhistorischen Museum Wien

english summary: A walk through the natural history museum in Vienna featuring the stunning highlights of the prehistoric collection

Liebe Leser,

das Naturhistorische Museum an der Ringstraße in Wien (kurz NHM) ist mit seinen 30 Mio. Objekten eines der größten Naturmuseen der Welt. Es wurde 1871-1881 nach Entwürfen von Gottfried Semper und Carl von Hasenauer gebaut und 1889 von Kaiser Franz Joseph I. feierlich eröffnet. Aber die Sammlungen entstanden teilweise weit vorher. So hatte schon 1750 Franz I. Stephan von Lothringen (der Ehemann von Maria Theresia) die zu dieser Zeit größte Sammlung an Naturalien gekauft, 30000 Objekte, unter anderem seltene Schnecken, Korallen, Muscheln, Edelsteine und Mineralien. Die wurden zunächst in der Hofburg untergebracht, fanden aber bald keinen Platz mehr. Daher wurde der Bau des NHM und des Kunsthistorischen Museums gleich daneben beschlossen. 1920 wurde es ein Bundesmuseum unter der Aufsicht des Unterrichtsministeriums.

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In Verruf geriet das Museum, als 1978 eine neugestaltete „Anthropologische Dauerausstellung“ eröffnet wurde und dort in Saal 17 unter dem Titel "Die heute lebende Menschheit (Rassenkunde)" markante Fotos von Vertretern verschiedenen Rassen (und "Subrassen"), deren Verbreitung und physiologische Merkmale präsentiert wurden, vereinfacht "Rassensaal" genannt. Ich selbst war dort und kann mich noch dunkel daran erinnern. Nach immer lauter werdender Kritik wurde der Saal 1996 geschlossen. Erst 2013 wurde der Saal neueröffnet mit neuen Objekten zur Anthropologie, aber ohne das unsagbare Wort Rassen (als ob es keine genetisch unterschiedlichen Populationen beim Menschen gäbe).

Seit 2003 ist das NHM eine wissenschaftliche Anstalt öffentlichen Rechts mit eigener Rechtspersönlichkeit und somit kein Bundesmuseum mehr, der sog. Narrenturm ist seit 2012 ein Teil des NHM. Es hat heute jährlich über 1.000.000 Besucher!

Blick ins Innere der Kuppel. Das Museum selbst in ein Kunstwerk! IMG_8314.jpg

Das prächtige Stiegenhaus. IMG_8282.jpg

Prähistorische Ausstellung

Wir waren im Zuge der "Langen Nacht der Museen" dort. Den größten Andrang gab es im Dinosaurier-Saal (der wie die meisten Säle des Museums selbst eine Würdigung verdient). IMG_8324.jpg Die meisten Besucher waren wie im Bild zu sehen nicht auf den T.rex im Vordergrund fixiert, sondern auf einen animierten, etwa gleich großen Tyrannosaurus (links dahinter, nicht zu sehen), der sich bewegte und mit den Augen rollte. Na ja, spricht mich nicht besonders an, insbesondere, da hier viel spekuliert wird (wir wissen nicht einmal, welche Farbe seine Schuppen hatten).

Nachbildung der Fußspuren von Laetoli im heutigen Tansania. IMG_8428.jpg Vor 3,6(!) Mio. Jahren gingen drei Australopithecus afarensis durch vom Regen anfeuchtete Asche eines nahen aktiven Vulkans. In der Sonne härteten die Fußabdrücke aus, wurden von neuen Ascheschichten überdeckt und blieben so bis heute erhalten. Diese ältesten jemals gefundenen Fußspuren beweisen, dass unsere Vorfahren schon vor 3,6 Mio. Jahren aufrecht gingen.

Eine Rekonstruktion von "Lucy", dem berühmten Australopithecus afarensis-Skelett, das 1974 in Äthiopien gefunden wurde. Diese Vorfahren von uns haben haben vor 4-2 Mio. Jahren gelebt, "Lucy" selbst ist ca. 3,2 Mio. Jahre alt. Es waren noch keine Menschen, erste Vertreter von Homo traten erstmals vor 2,5 Mio. Jahren auf. IMG_8425.jpg

Eines der Prunkstücke des NHM ist zweifellos die 29.500 Jahre alte Venus von Willendorf, das wohl bedeutendste archäologische Fundstück aus Österreich. Erst seit kurzem ist im Museum das Original zu sehen, lange Zeit war nur eine Kopie ausgestellt (aus Sicherheitsgründen). image.png 1908 wurde sie bei Eisenbahn-Bauarbeiten in der Wachau entdeckt. Das Gebiet dort wurde schon vor 43.000 Jahren von Menschen besiedelt, wenngleich - eiszeitlich bedingt - die Besiedelung recht dünn war. Die gesichtslose Figurine ist 11cm groß und aus Kalkstein gefertigt. Die dünnen Arme sind auf der üppigen Oberweite abgelegt. Ähnliche Frauendarstellungen hat man in ganz Westeuropa, bis nach Sibirien gefunden. Man vermutet einen religiösen Zusammenhang (Fruchtbarkeitssymbol) oder, was für manche Regionen ethologisch belegt ist, eine Abwehrgeste ("Brüstehalterin" - die entblößte Brust soll vor Übel schützen).

Gleich daneben, als einziges andere Objekt im selben Raum, befindet sich die 1988 bei Krems gefundene Venus vom Galgenberg. Die auch "Fanny von Stratzing" genannte 7,2cm hohe Skulptur ist aus Schiefer herstellt und mit ihren 36.000 Jahren das älteste Kunstobjekt Österreichs und überhaupt eine der ältesten Menschen-Skulpturen weltweit! IMG_8414.jpg Es könnte sich um eine tanzende Frauendarstellung handeln oder aber um einen Jäger mit Keule. Wir werden es vermutlich nie herausfinden. Jedenfalls stammen beide Objekte aus der gleichen altsteinzeitlichen Kultur, dem Aurignac. Es handelt sich um erste Vertreter des Homo sapiens in der Region; der bis ca. 40.000 v.Chr. in Mitteleuropa nachgewiesene Neandertaler hatte keine solchen Kunstwerke angefertigt.

Skelett eines Megaloceros (Riesenhirsch). Diese Vertreter der eiszeitlichen "Megafauna" hatten eine Schulterhöhe von 2m und deren Geweih konnte bis zu 3,6m breit werden! IMG_8430.jpg Laut neuesten Datierungen sind die Riesenhirsche erst vor 7000 Jahren in Zentraleuropa ausgestorben, vermutlich (auch) durch die Bejagung durch den Menschen, und damit später als andere Tiere (z.B. Mammut, Wollnashorn, Höhlenlöwe), von denen die meisten im Rahmen der "quartären Aussterbewelle" schon vor ca. 12000 Jahren zum letzen Mal gelebt hatten.

Verschiedene Gefäße aus der Jungsteinzeit, gefunden südlich von Wien und auf ca. 5300 v.Chr. geschätzt. Die Schöpfer dieser Gefäße könnten also noch Riesenhirsche gesehen haben! IMG_8417.jpg

Ein Highlight der Ausstellung ist auch das sog. Goldkabinett. Diese beiden Goldscheiben (Durchmesser 10,6 und 13,8 cm) mit je drei Buckeln und Punktverzierung aus ca. 4000 v.Chr. bilden den ältesten Goldfund Mitteleuropas und den zweitältesten weltweit! Sie wurden 1864 in Stollhof (Niederöst.) gefunden und stammen aus der älteren Kupferzeit. Sie waren aus Rumänien/Bulgarien importiert worden, was auf einen regen Handel innerhalb Europas hindeutet. IMG_8322.jpg Detail: IMG_8323.jpg Die paarweise angebrachten Löcher in den beiden Scheiben dienten wohl der Befestigung an Kleidungsstücken. Was die drei Buckel zu bedeuten haben, darüber kann man nur spekulieren.

Relativ neu ins Museum gekommen ist der erst 2020 entdeckte sog. Goldschatz von Ebreichsdorf, bestehend aus einer Schale, in der mehrere Goldspiralen sowie ein Goldfadenknäuel abgelegt waren. Wieder waren es Bahnarbeiten, die zur Entdeckung geführt hatten. Der Fund stammt aus der Spätbronzezeit (Urnenfelderkultur) und ist ca. 3100-3200 Jahre alt. Das Gold ist Flussgold aus der Gegend vom Riesengebirge (an der Grenze zwischen Tschechien und Polen). Bemerkenswert ist die fein verzierte Goldschale, die im mitteleuropäischen Raum einzigartig ist. Vom Dekor her vermutet man einen kultischen Charakter der Schale, in Verbindung mit einem Sonnenkult, der in der Bronzezeit verbreitet war. IMG_8318.jpg

Dieses Knäuel aus Goldfäden, die teilweise nur 0,5mm im Durchmesser sind, ist - so vermutet man aufgrund der verschiedenen Webtechnik - der Rest von drei verschiedenen, golddurchwirkten Textilien, die zusammengefaltet worden waren, wobei der organische Teil (Leder, Leinen, Wolle?) nicht erhalten geblieben ist. IMG_8318.jpg

Es gibt natürlich im Museum ein exzellentes Kaffeehaus, in dem man sich zwischendurch stärken kann, obwohl die Preise dort überteuert sind. IMG_8315.jpg

Frisch rekoffeiniert ging es dann zu weiteren Ausstellungen, aber davon soll ein andermal berichtet werden...



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Comments · 2

  • @memess(64)· 1h

    Next time i drop by wien i will go there!

  • Dieses Ding ist der Hammer! Hervorragende Sammlung und Präsentation! War mein Highlight in Wien, neben dem Hive Meetup.