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Du weißt gar nicht, was du verpasst hast, Vater.

Es gibt Sätze, die einen plötzlich finden. Dieser hier kam mir ohne jede Planung in den Sinn: „Du weißt gar nicht, was du verpasst hast, Vater.“

Mein Vater starb, als ich noch ein kleines Kind war. Wirkliche Erinnerungen habe ich nur wenige. Eines der Bilder ist bis heute geblieben.

Ich stehe vor der Tür seines Büros und schaue neugierig durch das Schlüsselloch. Er sitzt an seinem Schreibtisch, eine Zigarre im Mund, und die Schreibmaschine klappert vor sich hin.

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Bild: OpenAI, @vanje

Damals wusste ich nicht, dass ich Jahre später auf genau dieser Schreibmaschine meine ersten wichtigen Dokumente schreiben würde.

Eigentlich erzähle ich ihm all das schon seit Jahren. Von meinem Berufsleben. Von Erfolgen und Niederlagen. Von meiner Familie. Von den Reisen mit dem Camper. Von meiner Krankheit und den Jahren, in denen plötzlich vieles nicht mehr selbstverständlich war. Und auch davon, dass ich gelernt habe, Zufriedenheit nicht daran zu messen, ob alles perfekt läuft, sondern ob ich mit dem, was ist, im Reinen bin.

Während ich darüber nachdachte, wurde mir klar, dass dieser Satz gar nicht nur meinem Vater gilt. Wie viele Gespräche führen wir nie? Wie viele Fragen bleiben offen, weil wir glauben, es gäbe später noch genügend Zeit?

Vor einigen Jahren habe ich begonnen, einen Brief an meinen Vater zu schreiben. Aus diesem Brief entwickelte sich nach und nach die Idee zu einem Buch. Unzählige Seiten habe ich geschrieben, überarbeitet und wieder verworfen. Etwa dreißig Seiten sind geblieben. Sie erzählen noch längst nicht alles, aber sie sind ein Anfang.

Dann kam das Leben dazwischen. Oder vielleicht auch meine Krankheit. Seit fast zwei Jahren habe ich keine einzige Zeile mehr daran geschrieben. Und doch ist das Manuskript für mich nicht beendet.

Es wartet einfach.

Vielleicht musste ich erst diesen einen Satz wiederfinden: „Du weißt gar nicht, was du verpasst hast, Vater.“

Vielleicht ist genau jetzt der Moment, den Faden wieder aufzunehmen.

Manche Geschichten enden nicht. Sie machen nur eine längere Pause.


Comments · 4

  • @w74(74)· 20d

    Der viel zu frühe Verlust eines Elternteils installiert im Kopf des Kindes zwangsläufig den, von der Wehmut gesteuerten Türöffner für die immer wieder gleiche Reflexion: Hättest du das doch bloß nur miterleben dürfen. Dies bietet automatisch einen unermesslichen Raum für Gedanken, die von der Fantasie beflügelt, ihren Weg auf das Papier finden. Letztlich ist es nämlich deine Autobiografie, die du der Person widmest, mit der du liebend gerne erheblich mehr Zeit verbracht hättest. Doch sollte die andere Seite der Medaille nicht unberücksichtigt bleiben. Auf der ist die Frage eingraviert: Wie wäre mein Leben überhaupt verlaufen, wenn Mama und Papa konstant einen prägenden Einfluss auf mich gehabt hätten? So könnte der Blick in den Rückspiegel ein gänzlich anderes Bild offenbaren. Was das Niedergeschriebene betrifft, kann ich nur meinen Erfahrungsschatz entrümpeln. Eine Geschichte findet stets ein Ende (und sei es mit der Aufforderung an den Leser, ab sofort die eigene Vorstellungskraft in Gang zu setzen). Eingelgte, lange Pausen sind in der Regel so scharf wie ein Skalpel zur Amputation. Plötzlich liebäugelst du mit einer komplett anderen Herangehensweise an den Erzählstoff oder manche Passagen sind dir emotional entglitten. Dann ist es wahrlich an der Zeit, dem Pferd einen anderen Sattel aufzulegen. Aber, wie ich deinem Text entnehme, bist du eher an der Nähmaschine unterwegs und ziehst vielleicht schon morgen den neuen Faden auf die Nadel. Beste Grüße

  • @reiseamateur(73)· 20d

    Krankheit hin Krankheit her, schreib dein Buch fertig und zwar jetzt! Nicht irgendwann, sonst wird es im Müll landen!

    Jeder kann heutzutage so leicht Bücher veröffentlichen, (Amazon z.b.)...

    In 4 Monaten ist schon wieder Weihnachten, da braucht die Menschheit Bücher aus dem Leben, nicht von einer KI!!

    Lg 🤠 und schönes WE!

  • @mein-senf-dazu(75)· 20d

    !invest_vote !BBH

    ACH JA. SEUFZ

    Bereue es letztes Jahr nicht noch paar Worte ausgetauscht zu haben mit meiner Tante, dachte das wird schon und wir sprechen uns bald...

  • @eii(72)· 21d

    !PIZZA !LOLZ