scrobble.life
Deutsch D-A-CH

Trypophobie

Liebe Leser, Trypophobie bezeichnet Ekel oder Angst beim Anblick von Mustern mit dicht beieinanderliegenden Löchern, Punkten, Vertiefungen oder Blasen, kurz gesagt die Angst vor Lochermustern. Es ist keine anerkannte Angststörung laut ICD, sondern gilt als Aversion, also eine unbewusste Emotion (im Gegensatz zur Antipathie) und nur in Einzelfällen ist sie behandlungsbedürftig.

Als Auslöser kann bei Menschen mit dieser Phobie bereits die harmlose Samenkapsel der Indischen Lotusblume ausreichen, um extremen Ekel auszulösen. Auch Leopardenmuster, Pfeilgiftfrösche, Erdbeeren, Korallen, Schwämme oder sogar Schweizer Käse können den gleichen Effekt haben. Ich selbst kann das schwer nachvollziehen, ich leide offenbar nicht darunter. lotusblume.png https://www.futurity.org/holes-disgust-fear-phobias-1647042/

Den Begriff hatte erst 2005 eine irische Bloggerin geschaffen1, von gr. trýpa (Loch) und phóbos (Furcht, Schrecken). Vereinzelt liest man auch von Kaffeeschaumphobie (coffee bubble phobia). image.png https://www.reddit.com/

Als Reaktionen auf solche Bilder wurden beschrieben: Gänsehaut, Schwitzen, Herzklopfen, Zittern, Übelkeit, Juckreiz, Panikattacken und Augenschmerzen1. Also nichts, dem man sich gerne freiwillig aussetzt, wenn man darunter leidet. Wie häufig dieses Phänomen ist, ist umstritten, man geht von 10-20% in der erwachsenen Bevölkerung aus2. Die Schwankungsbreite entsteht durch unterschiedliche Cut-offs, Stichproben (jüngere Menschen reagieren oft stärker) und Messmethoden. Bei Frauen ist Trypophobie häufiger als bei Männern.

Dadurch, dass sie erst seit 2005 in Erscheinung getreten ist, stellt sich die Frage, ob Trypophobie etwas ist, das Menschen aus dem Internet "lernen", oder ob die Phobie bereits besteht, bevor jemand z.B. durch virale Bilder auf sozialen Medien damit getriggert worden sein könnte. Das Zweitere scheint eher zuzutreffen. Schon vierjährige Kinder zeigten in einer Studie messbares Unbehagen, wenn ihnen "trypophobe" Bilder gezeigt wurden3. Trotzdem spielt der soziale Kontext durchaus eine Rolle (und ich entschuldige mich hiermit dafür, falls ich durch diesen Post womöglich bei Dir eine Trypophobie ausgelöst haben sollte). Eine Arbeit aus 2024 stellte jedenfalls fest, dass erstens Trypophobie häufiger bei denen vorkommt, die öfter soziale Medien nutzen und dass 76% der als Trypophobiker Identifizierten den Begriff schon kannten und nur 24% davon noch nie gehört hatten4. Doch die Erkenntnisse aus der Vorschulzeit machen es schwer zu argumentieren, dass Trypophobie ein reines Produkt der Online-Kultur ist. Die Tendenz, durch gruppierte Löcher abgestoßen zu werden, scheint etwas zu sein, das dafür empfindliche Menschen zumindest zum Teil schon aus der frühen Kindheit mitbringen.

Apropos soziale Medien. Unter Trypophobie laufen auch solche KI-generierte Bilder, die vor allem auf Insta, fb und Tiktok zu sehen sind: image.png https://www.facebook.com/ Die sind aber reiner Click-Bait, denn solche Bilder werden von fast allen Menschen als eklig empfunden. Insofern tragen sie nichts für das das Verständnis des Phänomens Trypophobie bei. Anstatt zu vermitteln, dass Betroffene im Alltag beim Anblick eigentlich harmloser Lochmuster leiden, reduzieren diese viralen Beiträge das Thema auf einen billigen Schockeffekt und das Sensationsbedürfnis der Masse, um die Verweildauer der User auf den Medien zu erhöhen und damit den Profit.

Evolutionär betrachtet scheint es ein Schutzmechanismus zu sein, genauer gesagt ein (angeborener) Reflex, um Krankheiten oder Gefahren zu vermeiden. Bilder von Skorpionen, Löwen oder Schlangen lösen auch physiologische Reaktionen aus, die allerdings anders sind. So kommt es bei diesen evolutionär tief verankerten Gefahrensignalen zu einer Angstreaktion mit erhöhter Herzfrequenz und Pupillenerweiterung. Der klassische "Fight-or-flight"-Reflex zur Vorbereitung auf Kampf oder Flucht triggert das sympathische Nervensystem (das aktivierende autonome Nervensystem). Bilder mit Lochmustern lösten in einer Studie aus 2018 bei den Probanden aber eine Pupillenverengung aus und das sogar bei solchen, die angaben, nicht trypophob zu sein5, hier wird offenbar das parasympathische Nervensystem aktiviert, was eher mit Ekelgefühlen als mit Angst assoziiert ist. Der Körper wird hier nicht auf Kampf vorbereitet, sondern darauf, vorsichtig zu sein und die Exposition gegenüber einem möglichen Risiko zu minimieren ("rest-and-digest", keine raschen Bewegungen, Atmung und Herzrate werden verringert etc.).

Ein Hinweis darauf, dass es sich eher um Krankheitsvermeidung als um Gefahrenabwehr handelt ist auch, dass Trypophobiker oft auch Ekel vor Bildern mit Pockennarben, Schuppen und ähnlichen Dermatosen bzw. Hautkrankheiten haben. Unsere Vorfahren haben offenbar gelernt, möglicherweise ansteckenden Krankheiten aus dem Weg zu gehen und eine Abscheu davor entwickelt, selbst wenn sie aus heutiger Sicht unbegründet wirkt. Die meisten Dermatosen, die man heute sieht, sind auch nicht ansteckend (z.B. Psoriasis, Neurodermitis, Akne), genauso wie die meisten Spinnen in unseren Breitengraden nicht giftig sind, und doch ist die Arachnophobie, zumindest der Ekel vor Spinnen, relativ weit verbreitet (20-30%). Wie auch bei Spinnen, bei denen ein Laie nicht wissen kann, ob eine bestimmte nicht doch giftig ist, will der Körper - evolutionär betrachtet - kein Risiko eingehen und weil Trypophobie auslösende Hauterkrankungen auch ein Zeichen geringerer evolutionärer Fitness ("schlechteres Erbmaterial") sein könnten, wurden Betroffene in der Vergangenheit bei der Partnerwahl eher außen vor gelassen. Ob zurecht, lässt sich schwer nachweisen, aber die Tatsache, dass sich diese Phobie in unser Genom und Gehirn eingebrannt hat, deutet darauf hin, dass sie den Trägern dieser Eigenschaft einen evolutionären Vorteil verschafft hat.

Auch Bienenwaben können trypophobe Reaktionen auslösen. image.png https://www.healthline.com/health/trypophobia

Seit ein paar tausend Jahren gibt es eventuell einen rückläufigen Trend (der erklärt, warum Trypophobie seltener ist als Angst vor Spinnen), aber das ist jetzt reine Spekulation. Nämlich seit unsere Vorfahren entdeckt haben, wie schmackhaft und nährstoffreich Honig ist, könnte die Trypophobie abgenommen haben, weil Menschen ohne Hemmungen beim Honigklau einfach besser ernährt waren als Wabenphobiker.

Quellen: (1) https://de.wikipedia.org/wiki/Trypophobie (2) https://biologyinsights.com/how-common-is-trypophobia-what-studies-show/ (3) https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9935851/ (4) https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11445973/ (5) https://peerj.com/articles/4185/

Comments · 3

  • @nextgen-ai(53)· 25m

    I really have a hard time looking at things like this. Those fake AI edits of holes on skin are everywhere on Instagram now. It's crazy how pages use something that makes people genuinely uncomfortable just to farm engagement.

  • @johnboywalton(68)· 37m

    Spannend ! 👍

  • @shinysky(54)· 2h

    I don't have any idea about this trypophobia. It's a good learning from your post. Thank you for shareing it .